Text: Andres Häußler, Fotos: Monika Krause, 29.5.2021

Die „TorTour de Ruhr“ ist – das kann man wohl ohne Umschweife sagen – ein klassischer Ultralauf und mit den drei Distanzen 100km („Bambinilauf“), 160km und der Königsdisziplin 230km, die den kompletten Ruhrtalradweg von der Ruhrquelle in Winterberg bis zur Mündung der Ruhr in Duisburg am „Rheinorange“ entlangführt, auch einer der längsten in Deutschland. Viele von uns kennen ihn ja.
Der Wettbewerb (siehe auch www.tortourderuhr.de ) findet seit 2008 im zweijährigen Rhythmus zu Pfingsten statt und eng mit seinem Gründer Jens Witzel verbunden. Dazu gehört zunächst das in der Ultralaufszene nicht unübliche Format des Einladungslaufes mit einer entsprechenden Bewerbung, in der einschlägige läuferische „Vorstrafen“ nebst persönlichen Referenzgebern aufgelistet sein sollte. Außerdem ist ein ärztliches Attest erforderlich. Die ewige Bestenliste von 2008 – 2018 der Langdistanz hat derzeit 224 Einträge. Ich versuche jetzt mal nicht, die „ewige Finisherquote“ zu berechnen, aber man ahnt durchaus, dass von den für 2022 gemeldeten 119 Startern, die alle dieses Procedere durchlaufen haben, es nicht alle ins Ziel schaffen werden. Insofern ist eine gewisse Lenkung aus meiner Sicht dahingehend sinnvoll, dass sich nur diejenigen einen solchen Wettbewerb antun, die vom Trainingsniveau und der körperlichen Verfassung auch in der Lage sind, diesen auch zu überstehen.
Ein allerdings prägenderes Merkmal der „Tour“ ist jedoch, dass man ausschließlich als Team Läufer plus mit Fahrrad, mit Auto, zu Fuß in Etappen oder wie auch immer begleitende Crew antreten kann und dass das Ganze auch als gleichberechtigtes Team-Event aus Läufer und Begleiter angesehen wird. Auf der Homepage findet sich das Motto: „Die Crew bringt dich da durch“. Jens Witzel, damals Jens Vieler, hat auf diese Weise die TorTour Ausgabe 1 aus der Taufe gehoben. Sein kurzweiliger Bericht der ersten TorTour de Ruhr findet sich hier: https://www.marathon4you.de/laufberichte/tortour-de-ruhr/tortour-de-ruhr/489
So einen ikonischen Lauf wollte ich schon lange mal erleben. Ich weiß nicht mehr genau, ab wann ich mir den Bambinilauf zutrauen wollte, auf jeden Fall musste ich meinen entsprechend obigen Ablaufes zugeteilten Startplatz 2018 schweren Herzens abgeben, entschied aber zusammen mit Jens, dass es – entsprechend meines sich in die gleiche Richtung entwickelnden „Vorstrafendepots“ bei der DUV – durchaus drin sei, direkt auf die 230km umzumelden.
So stand ich dann für 2020 mit den 230km in der Startliste, aber dieser Lauf musste coronabedingt kurzfristig auf 2021 verschoben werden, so dass meine Crew, bestehend aus einer Autofahrerin und zwei Fahradfahrer*innen und eben ich auf einmal Pfingsten nichts mehr vorhatten. Es kam aber – bedingt vielleicht durch ein paar Missverständnisse, zotige Sprüche und dergleichen, die man schon mal so macht – dazu, dass wir „rein privat“ zu Pfingsten 2021 an der Ruhrquelle standen und uns 35,5h später am Rheinorange wiederfanden. Aber das ist ein anderer Bericht. Auf jeden Fall hatten wir genug Spaß gehabt, dass wir direkt „unter dem Rheinorange“ uns für Pfingsten 2022 zur Wiederholung verabredeten.
Hier könnte der Bericht eigentlich schon mit einem „Da capo al fine“ enden. Aber gut: Wie bekannt, musste auch der diesjährige Wettbewerb pandemiebedingt auf 2022 verschoben werden, allerdings gab es jedoch ein paar mehr Teams (auch 2021 waren wir nicht ganz alleine auf die Idee gekommen), die in diesem Jahr die TorTour ZERO privat, reduziert und kontaktarm für sich unter die Füße, bzw. unter die Reifen nehmen wollten.
Und so standen wir erneut zu Pfingsten an dieser Ruhrquelle in Winterberg, einem relativ unscheinbarem Plätzchen übrigens, von dem aus uns ein wie bei Quellen üblich, eher bescheidenes Bächlein so lange den Weg weisen sollte, bis sich die Ruhr, angewachsen zu einem bedeutendem Strom, bei Duisburg am Rheinorange in den Rhein mündet.
Diesmal wollten wir so viel „Original“ wie eben möglich und sind pünktlich zum Start um 08:00 am Pfingstsamstag losgelaufen, zunächst ein Läufer, ein Radfahrer und eine Autofahrerin. Mein Plan war es, neben gesund und munter (was ein Ultraläufer so unter einem munteren Finish versteht, muss ich hier wohl nicht erklären – bei Bewusstsein halt), auf jeden Fall mindestens zur Vorjahreszeit in Duisburg einzutreffen. Auch die Treffpunkte mit dem vollbepackten Auto waren jeweils in der Nähe der „originalen“ VPs gewählt worden.
Aber zunächst einmal setzten wir uns in der Tat noch frisch und munter im Sauerland in Bewegung. Von Winterberg aus geht es im Wesentlichen erst einmal lange bergab, da muss man eigentlich nur aufpassen, dass man nicht zu schnell wird.

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Überhaupt sollte ich vielleicht an dieser Stelle einmal aus meiner Sicht beschreiben, wie man auf einen solchen Ultralauf trainiert. Es gibt ja die Faustformel für lange Wettbewerbe: Was man in der Woche in Summe regelmäßig läuft, dass kann man sich auch im Wettbewerb in einem Lauf zutrauen. Es ist natürlich klar, dass diese für 100km vielleicht noch für manchen anwendbar ist, für 100 Meilen wohl eher nicht mehr und für 230km sicherlich gar nicht mehr. Wie soll man also für einen solchen Mehrtagesnonstoplauf trainieren? Wie so oft gilt eben: Das ist eine sehr individuelle Sache und kann nicht verallgemeinert werden. Natürlich sind lange und sehr lange Trainingsläufe die Basis jeden Ultralaufes, gerne auch mal nachts oder sehr früh morgens zur mentalen Angewöhnung, aber was jeder nun für die Tortour wirklich braucht, muss wohl jeder selbst herausfinden.
Bei mir war es so, dass das über mehrere Trainingswochen ausgeführte Standardpaket 100km als langer Lauf am Wochenende plus drei Zehner frühmorgens im Dunkeln als Vorbereitung ausgereicht hat, partiell reduziert jeweils in dem Moment, wo die Grundmüdigkeit zu sehr anstieg und die Geschwindigkeit gerade bei den Zehnern zu sehr litt. Viel mehr wird wohl kaum jemand – alleine schon aus zeitlichen Gründen – leisten können, wenn man wie ich Familie hat und berufstätig ist, wie viele von uns. Über die Wichtigkeit eines begleitenden Kräftigungsprogramm muss ich hier nichts erzählen – nur so viel: Ich bin hier ein ganz schlechtes Vorbild…
Also zurück ins Sauerland, wo sich beim klassischen VP1 in Bestwig „Senior-Tortouristin“ Susanne Alexi (3 Finishs von 2010-2018, Platz 3 der ewigen Bestenliste der Mehrfachfinisher), vom Bahnhof aus zu unserer Crew dazugesellte. Sie wollte uns ebenfalls bis Duisburg begleiten. Während das Stück bis Bestwig (ca. 30km) noch sehr ländlich geprägt war und landschaftlich das vielleicht reizvollste der ganzen Tour ist, ist der Ruhrtalweg bis zur nächsten VP2 (bei ca. 60km) in Arnsberg-Oeventrop zum Teil auch längere Zeit an Landstraßen entlanggeführt, sprich nicht separat ausgebaut. Da ist dann auch das eine andere Stück zum „Durchbeißen“ dabei, man will ja auch „Meter machen.“
Wobei an dieser Stelle der Hinweis auf unterschiedliche mögliche Strategien erlaubt ist: Ich gehöre zu denjenigen, die ein sehr gleichmäßiges Lauftempo „brauchen“ und auf der kompletten Tour keinen Meter gegangen bin. Dabei sinkt das Tempo kontinuierlich, aber linear. Andere benötigen Gehpausen, können das Tempo aber bei Bedarf auch „in den Zweihunderten“ noch einmal deutlich steigern. Auch hier gibt es wieder nur den Verweis auf die Notwenigkeit des individuellen Ausprobierens.
Aber auch hier gibt es wieder wunderschöne Auenlandschaften an dem nun schon deutlich wahrnehmbaren Fluss Ruhr. Das Stück bis VP3 (bei ca. 85km) in Arnsberg-Neheim verläuft komplett auf dem Gebiet der Stadt Arnsberg, immer noch im Hochsauerlandkreis gelegen. Im Bereich des Zentrums macht man dabei eine ziemlich große und charakteristische „Schlaufe“. Bei VP3 ist auch Start der 160km-Läufer, fehlende Kilometer zu den 100 Meilen werden durch eine Prologschleife aufgefüllt.
Das nächste Stück bis zur VP4 (115km) in Schwerte, gleich zwei Landkreise (Soest und Unna) weiter, war mir im Vergleich zum Vorjahr zu lang, obwohl mich meine Crew darauf hinwies, dass ich damals auch schon geschimpft hätte. Ich hatte es aber auf den Tiefpunkt des aufgrund des verfrühten Startpunktes bereits „nach der Nacht“ liegenden VPs geschoben.
Vielleicht lag es am (elendig schlechten, es gab Wind, Regen und beliebige Kombinationen aus beidem) Wetter: Mir ging es im Magen nicht mehr so gut, das Tempo sackte ebenso wie die Stimmung durch. Hier kam Susannes doppelte Vogelperspektive als einerseits erfahrene Tortouristin andererseits aus dem Blick des erfahrenen Begleiters ins Spiel, die mir half, Ruhe zu bewahren.
Denn irgendwann kommt die „rettende“ VP ja doch, der Punkt, bei dem jegliche Gedanken des Langläufers irgendwann enden. Oder gibt es hier jemanden, der dreistellige Kilometerzahlen herunterzählt?
Man muss auch sagen, dass nach Schwerte ein landschaftlich wirklich sehr schönes, zum Teil etwas abseits des Flusses gelegenes Stück Ruhrauen mit viel altem Baumbestand beginnt, welches sich allerdings bei den meisten Läufern im Dunkeln abspielen dürfte. Auch war es zwischenzeitlich sogar mal ein bisschen trocken und der Dreiviertelmond tauchte die Nacht in ein fahles, schwarzblaues Licht. Wer etwas erleben will, muss eben Ultralaufen, irgendetwas Schönes bekommt man immer geboten, und das erlebt man dann intensiv! Bis zur VP5 (135km) am Hengsteysee werden erstmals gleich zwei Großstädte gestreift, nämlich Dortmund und Hagen, die sich an diesem Stausee treffen.
Nur noch ein Hunderter! Hier starten folglich auch die Bambinis, die allerdings erst eine Extrarunde um den See laufen müssen, um ihr dreistelliges Soll zu erfüllen. Bis zur nächsten VP6 (ca. 155km) wurde es bei mir nicht ohne Erwartung wieder hell, vorher musste allerdings leider ein übles Stück Wegsperrung umlaufen werden. Hier war es gut, dass wir sowohl wussten, dass man sich sklavisch an die Beschilderung halten musste, die allerdings wirklich nur an den Abbiegungen innerstädtischer Straßen von Hagen-Vorhalle aufgestellt waren, als auch dass wir das schon einmal im Hellen abgelaufen sind.
Bei VP6 am Kemnader See war mein Tiefpunkt erreicht. Einerseits war ich – das dürfte übrigens auf die meisten bei diesem Kilometerstand zutreffen – kein guter Gesellschafter mehr, weil ich einfach nur noch wenig erzählen konnte oder wollte, andererseits haben wir am Kemnader See das ungefähr 5km längere Nordufer gewählt, welches (ebenfalls?) als Ruhrtalradweg ausgeschildert war. Heute kann ich sagen: Wie schön! Denn so kam ich nicht nur zum längsten Lauf meines Lebens, sondern wir haben auch das landschaftlich viel reizvollere Nordufer gesehen, was ich noch nicht kannte! Auf der Tour waren wir hingegen nur noch übermüdet, unkonzentriert in den Absprachen der natürlich nicht immer in der Nähe befindlichen Teammitglieder untereinander und auch leicht vom Strömungsbild der Ruhr angetäuscht, die gerade im Bereich von Seelandschaften kein ausgeprägte Fließrichtung zum Rhein zeigt. Aber der im Übrigen durchgehend beschilderte Radweg zeigte weiter in Richtung Hattingen, alles (soweit) richtig!

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In Hattingen beim VP7 (bei mir ca. 180km) war ich gerettet. Denn ab hier kenne ich „jeden Stein“ auch vom WHEW (100km) und privaten Ausflügen von Solingen aus, wo ich Zuhause bin. Damit war klar: Wir werden die Tour abermals schaffen, wir kommen ins Ziel! So beflügelt wurden wir nicht schneller (siehe oben, Wettkampfstrategie), allerdings hilft es immer mental, wenn man sehr gut weiß, wo man ist und was noch kommt. Außerdem gesellte sich planmäßig ein weiteres Teammitglied als weitere Radfahrerin dazu. Mit drei Fahrer*innen waren wir „stark“ – außerdem konnten sich diejenigen, die schon eine Nacht im Schritttempo bei kaltem Ekelwetter hinter sich hatten, immer mal ein bisschen Pause machen. Fahrradbegleitung bei der Tortour de Ruhr ist ein Knochenjob, Ruhm und Ehre sei all denjenigen, die ihn übernehmen, hiermit zugesprochen. Wer es nicht glaubt: Ausprobieren.
Es kam der berühmte Punkt „Nur-Noch-Marathon“ beim VP8 (bei mir ca. 198km) an der alten Kampmannbrücke in Essen-Kupferdreh. Jetzt hieß es nochmal Zähne zusammenbeißen und auf dem letzten Stück nicht zu viel Zeit verlieren. Dieser Marathon teilt sich noch einmal auf in die erste liebliche Hälfte am Baldeneysee („Lago Baldini“) und den Ruhrauen bei Essen-Werden und Essen-Kettwig, sowie dem Stück ab der letzten VP8 (bei mir ca. 215km, übrigens: Alle Kilometerangaben sind falsch!).
Den jetzt werden mit Mülheim, Oberhausen und Duisburg nicht nur weitere drei Großstädte passiert, von ihrer schönen Seite präsentiert sich leider nur die erste von den dreien, mit angelegten Brückenwegen durch Wälder und Schlossparks. Wer aus Oberhausen-Altstaden kommt, möge es mir verzeihen: Das schönste Stück des Weges ist dieser verwahrloste Vorort nicht. Und in Duisburg geht es dann wahlweise über endlose Deiche, neben einer Autobahn, oder ein Brückenlabyrinth am Hafen.
Und das ist nun wirklich keine Überraschung mehr: Auf den letzten Kilometern wird sich wohl jeder über den nicht enden wollenden Weg und die nachlassende Chance eines „Day-Light-Finishs“ beschweren! Zu guter Letzt empfing uns noch eine innerstädtische Umleitung in Duisburg kurz vor dem Ziel, was zusätzlich an den Nerven zehrte.

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Aber schließlich war das Ziel, der erlösende orangene Monolith doch sichtbar und er wurde noch im Hellen erreicht. Und was haben wir „unter dem Rheinorange“ gemacht und so geredet?
Und pfingstlich grüßt das Ultratier, die TorTour 2022 kann kommen, diesmal aber bitte „offiziell“!

 

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