Text und 8 Bilder: Michael Irrgang, Bild Finishergruppe: Michael Bohm, 19.12.2023

Wer zum Jahresende noch einen Traillauf über 100-Meilen sucht, wird in Belgien fündig. In Oud-Herverlee startet eine bestens markierte 80km-Runde, die man wandern oder laufen kann; einmal oder zweimal. Wenn der Plan darin besteht, wie bei unserer kleinen Gruppe sie zweimal zu durchlaufen, startet man am Samstagmorgen um 4 Uhr und bewältigt die Runde einmal linksrum und einmal rechtsrum.

Mit den Vereinskollegen Sylvia Faller und Michael Bohm hatten wir uns vor langer Zeit verabredet, diesen Lauf gemeinsam als Trainingslauf zur anstehenden 48h-WM im Frühsommer zu gestalten. Die dabei enthaltenen ca 2.100 Höhenmeter schreckten uns nicht ab, zumal das Zeitlimit von 36 Stunden großzügig erschien. Waren es letztes Jahr Minus zehn Grad und der Boden knüppelhart gefroren, so hatten wir dieses Jahr je nach Betrachtungswinkel mehr Glück. Es war trocken, windstill bei 3 bis 8 Grad. Dafür war der Boden weich, matschig, nass und glatt.

Doch der Bericht von Stefan Henscheid „100 Meilen Matsch“ offenbarte schon im Titel, wo die Schwierigkeiten bei dieser Veranstaltung liegen. Aber wer in Belgien sich zu einem Trail anmeldet, erwartet ja niemals, mit sauberen Schuhen wieder nach Hause zu kommen.

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Von links: Michael Bohm, Nina Robertz, Sylvia Faller und ich. Nina, eine prima Läuferin aus Essen hatte sich kurzfristig unserer Gruppe angeschlossen. Sie meisterte mit stets guter Laune ihren ersten 100-Meilenlauf. Auch Sylvia lief zum ersten Mal einen Traillauf über 100 Meilen. Mitten im Winter bei Dunkelheit und Matsch haben sie sich für ihre Premieren wirklich keine einfache Veranstaltung ausgesucht. Herzlichen Glückwunsch zu den gezeigten, anspruchsvollen Leistungen.

Etwa alle 20 Kilometer gab es in einem großen, warmen Raum Verpflegung mit allem, was man als Läufer braucht. Das Bild entstand bei VP1, wo wir uns von Michael verabschiedeten, der fortan alleine und wandernd seinen Weg fortsetzen wollte.

Kurz hinter VP2, so bei km 45 bot sich folgendes Bild des Weges. Er stand völlig unter Wasser! Knietief wurde uns gesagt und fast alle stapften dort einmal oder sogar zweimal mitten durch! Das war so gar nicht das, was wir wollten! Gab es eine Alternative? Der Weg auf der anderen Seite des Zaunes war allerdings nicht viel attraktiver. Also was tun?

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Bei dieser Gelegenheit hatten wir unglaubliches Glück. Wanderer, die uns 1 Minute zuvor begegnet waren, sahen wir auf der anderen Seite der Wiese entlang gehen. Sie wollten offenbar in die gleiche Richtung wie wir. Und da Wanderer nicht die durch eine Startnummer ausgelöste Hektik haben, haben sie einen brauchbaren Umweg gesucht und gefunden! Super! Wir folgten der Gruppe und konnten so trockenen Fußes nach einer Zaunüberquerung den Weg fortsetzen.

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Manchmal gab es echt üble Stellen, wo man sich genau überlegen musste, wie man die Passage am besten überwindet. Teilweise waren die Matschstellen aber auch sehr rutschig und manchmal dazu schräg mit extrem hoher Sturzgefahr! Das war zu Beginn des Rennens bei Tageslicht und Kraftreserven noch recht lustig, nervte aber irgendwann doch immer mehr.

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Ein paar Mal galt es auch, Bäume und Äste zu über- oder unterqueren. Wie gesagt tagsüber alles sehr spaßig, aber man wusste bereits, dass man diese Stellen alle noch einmal bei Nacht sehen würde.

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Nina musste zwischendurch einmal kurz mit ihrem Mann telefonieren und ich nutzte die kurze Pause für ein Gruppenbild.

Als Gruppe haben wir ziemlich gut harmoniert, haben uns nie verlaufen – und wenn, dann nur kurz, hatten nette Gespräche und konnten uns ziemlich lange über die tiefen Schlammpfützen amüsieren. So verflogen die Kilometer ebenso wie die Stunden. Nach etwa 11,5 Stunden erreichten wir das erste Mal das Ziel und legten eine größere Dropbagpause ein, bevor wir unseren Weg fortsetzen.  

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Auf dem Rückweg begegneten wir wieder Michael Bohm, der uns erleichtert und gut gelaunt von seiner Entscheidung berichtete, nach der ersten Runde den Lauf beenden zu wollen. Im Grunde hat er nichts verpasst, was er nicht kannte. So konnte er in der hereinbrechenden Nacht noch etwas schlafen und uns morgens im Ziel begrüßen und gut versorgen. Doch wir hatten noch ca 70 Kilometer vor uns, die uns – mittlerweile absehbar – schwerfallen würden.

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Der Spaß war verflogen wie die Farbe aus den Schuhen. Gefühlt wogen die Schuhe je 1 KG, waren gut mit Matsch gefüllt und sorgten für unangenehme Druckstellen und Blasen. An der Motivation hat es sicher nicht gelegen, aber orthopädische Probleme und schwindende Kräfte sorgten dafür, dass die letzten 40 Kilometer überwiegend gewandert wurden.

Das Gefühlt kennt wahrscheinlich jeder, der vergleichbares selbst schon einmal durchlebt hat. Die letzten Kilometer ziehen sich wie Kaugummi. Obwohl wir gefühlt „so schnell es ging“ gewandert sind, hat es doch seine Zeit gedauert, bis wir schließlich den letzten Versorgungspunkt und dann das erlösende Ziel erreicht haben! Puh, das ganze gestaltete sich am Ende deutlich härter als gedacht oder sogar befürchtet.

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Aber irgendwann geht jede schöne Reise zu Ende und so erreichten wir am Sonntagmorgen gegen 6 Uhr 45 geschunden, aber glücklich das Ziel, dass sich mitten auf der Bühne des Veranstaltungsraumes befand. Dort bekam man vom Veranstalter zunächst Glückwünsche, dann eine Medaille und schließlich eine Flasche Bier vom Sponsor. Belgien halt.

Ich konnte tatsächlich nicht mehr schmerzfrei auftreten und war so froh, dass Michael Bohm vor Ort war, der uns mit Speisen und Getränke versorgte.

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Das ist sie, die schwer erkämpfte Medaille des Bello Gallico: ganz schön groß und schwer das gute Stück.

Ein 100-Meilen-Traillauf ist immer ein Abenteuer. Egal, ob Höhenmeter, Wurzelwege, schlechtes Wetter oder halt rutschiger Matsch. Die Landschaft ist eher unspektakulär, obwohl die Ortschaften, durch die man vereinzelt kommt, recht weihnachtlich illuminiert sind.

Und wenn in einigen Berichten zu lesen ist, dass der Lauf „brutal hart“ ist oder aus „100 Meilen Matsch“ besteht – das stimmt überhaupt nicht. Um die meisten Pfützen kann man herumlaufen oder drüberspringen. Addiert man die richtig ekeligen Stellen sind das höchstens 1 km – also echt zu vernachlässigen. Und doch sind es genau diese Stellen, die man auf allen Fotos sieht – so auch in meinem. Eine besondere Passage wird mir wohl ewig in Erinnerung bleiben, denn ich bin während des Rennens zweimal ausgerutscht und gestürzt, und zwar auf dem Hin- und Rückweg an exakt der gleichen Stelle!

Einerseits muss man den Lauf einmal gemacht haben, andererseits ist das Rennen aufgrund des Wetters jedes Jahr etwas anders und eignet sich so zur Wiederholung. Anders ist es kaum zu erklären, dass kurz vor Weihnachten um die 300 Läufer und weitere 200 Wanderer jedes Jahr teilnehmen.

 

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