Text und Fotos: Michael Traurig, 25.8.2022

Ich war schon als Kind im Harz zum wandern. Damals ging es eine Woche lang zu Fuß und mit dem Rucksack von Jugendherberge zu Jugendherberge. Zwei Jahrzehnte später war es dann das Motorrad, mit dem ich durch die landschaftlich schönen Strecken des Hazes gecruist bin.

Jetzt stand aber ein ganz besonderes Event an, was ich so nie nie gemacht habe. Der Ottonenlauf – 70km entlang der Selke von Stiege nach Quendlinburg.

Dazu muss man zwei Dinge wissen. Zum einen, dass ich erst 2019 zum Ultrarunning gekommen bin und aufgrund von Corona sich die Läufe in Grenzen hielten und ich bisher noch nie mehr als 58km oder 6h gelaufen bin. Zum anderen komme ich vom Niederrhein, wo es so flach ist, dass man heute schon sehen kann, wer morgen zu Besuch kommt.

Also würde der Ottonenlauf für mich eine neue Erfahrung sein.

Meine Frau und ich hatten uns in Stiege ein kleines Appartement gemietet, wobei mir nicht wusste, dass es in Stiege weder Bäcker noch Supermarkt gibt und das einzige Restaurant vor Ort teilweise noch geschlossen hatte. Also Vorsicht bei der Wahl der Location 😉

Am Tag vor dem Lauf sind wir dann von Schierke mit der Schmalspurbahn zum Brocken hinaufgefahren und dann die ca. 10km mit Nordic-Walking-Stöcken zurückgewandert. Mich hat schockiert, dass dort 90% des Nadelwaldes abgestorben ist – so sieht also der Klimawandel mit seinen Klimafolgeschäden in Natura aus! Aber dennoch war es eine schöne Wanderung mit fantastischem Ausblick über den Harz. Am Abend sind wir dann lecker Essen gegangen und beim Fernsehen habe ich mir noch ein Bier genehmigt, um dann zeitig ins Bett zu gehen.

Morgens um 5 Uhr ging es für mich aus den Federn, während meine liebe Frau den Schlaf der Gerechten fortsetzen konnte. Für mich ist das schon fast wie eine Zeremonie. Eine Tasse Kaffee und ein Glas Orangensaft – das war‘s. Ich esse vor den Läufen nie etwas, ist nicht so kein Ding.

Dann ging es um kurz nach sechs zu Fuß zum Start am Bahnhof Stiege. Dort warteten schon die Läufer des Supermarathons, das Orga-Team mit frischem Kaffee & Kuchen und ein Fernsehteam des MDRs. Ich möchte aber immer meine Ruhe haben und bin ein wenig auf und ab gelaufen.

Punkt 7 Uhr erfolgt der Startschuss zu meinem neusten Abenteuer. Der Nebel lag noch über dem unteren See und das Thermometer zeigte 8 Grad, aber der Himmel war blau und die Sonne schon aufgegangen. Die ersten zwei bis drei Kilometer ging es über Felder und Wiesen – einen Weg konnte ich nicht wirklich erkennen – bergauf. Das ist etwas, was ich nicht mag, und so taten mir schon nach wenigen Metern die Schienbeine weh, aber in dem Moment wo wir festen Waldboden unter den Füßen hatten, war ich in meinem Element und meine Beine wieder locker.

Der Ultratrail entlang der Selke ist einfach traumhaft. Geschätzte 90% des Laufes führte durch den kühlen Wald und so blieb mir ein Sonnenbrand erspart und auch die aufkommende Hitze bemerkte ich kaum. Die Wege hatten es aber in sich. Schmale Waldwege mit Wurzel wie Unterarme eines Boddybuilders und Schotterwege, die ich eher in den Alpen erwartet hätte. Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt, ob meine Schuhsohle noch ganz war, so sehr taten mir die Füße weh.

Obwohl der Ottonenlauf insgesamt nur bergab gehen sollte, gab es ein paar knackige Steigungen, die ich zügig gegangen und nicht gelaufen bin. Was bin ich froh, dass ich neben dem Laufen auch Walking und Nordic-Walking mache. So war es mir möglich, kraftsparend die Berge hinaufzukommen und mich ein wenig zu erholen. Zwischen Kilometer 35 und 43 gab es eine flache und ebene Laufstrecke, so dass ich hier mal meine langen Beine ausspielen konnte und mit 5:30min/km Zeit gut machen konnte. Dann nach ca. 4:45:00 ging es 1,5 Stunden lang auf und ab mit kleineren Steigungen. Nach 6:15:00 bei 58km aber kam für mich der Hammer, denn es kam die letzte große Steigung, mit 130HM auf 3km. So etwas ist für einen Niederrhein unbekanntes Terrain, wo ich bei uns einen Trainingsmarathon mit maximal 100HM laufe. Und nun das.

Und als wenn dies noch nicht genug war, plötzlich war auch der Wald zu Ende und die Mittagshitze schlug erbarmungslos zu. Also hieß es: trinken, trinken, Salztabletten und trinken. Zwischendurch ein Blick auf meine Uhr 7:00:00 und nur noch 3km bis zum Ziel. 🙂 Es machte sich so etwas wie ein Hochgefühl breit, bis zu dem Zeitpunkt als ich einen Blick auf die Straße machte. Dort stand: noch 5km bis zum Ziel. Ernüchterung machte sich breit und ich beschloss mal 1-2 Kilometer zu wandern.

Und dann konnte ich Quedlinburg sehen. Ich nahm den Laufschritt wieder auf – wenn man das nach 67km noch so nennen kann – und wollte dies auch bis zum Ziel durchhalten. Und dann sah ich das Ortseingangsschild und wenig später den Sportplatz. Noch eine halbe Runde auf der Tartanbahn und dann war ich doch tatsächlich am Ziel. 70,2km – 7:52:00 – 799HM

Noch nie war ich länger, weiter und höher gelaufen.

Nachdem Duschen und ein paar Lockerungsübungen gab es zur Belohnung ein kühles alkoholfreies Weizenbier.

Mit dem Bus wurden wir dann zurück zu Start gebracht. Alles in allem eine gelungene Veranstaltung, mit sehr vielen Zuschauen und Betreuern am Wegesrand sowie einer landschaftlich schönen Strecke. Meiner Meinung nach sehr empfehlenswert.

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