Bericht und Fotos: Andreas Häußler, 20.8.2022

Den Mauerweg hatte ich schon lange auf meiner „Bucket-List“, dieses Jahr sollte es soweit sein. Viele Freunde und Bekannte waren gekommen, auch unser Verein LG Ultralauf war stark vertreten, wie die folgende Ergebnistabelle zeigt:

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Es waren ein paar herausragende Leistungen dabei, es gab aber auch einige, die es leider nicht ganz geschafft haben, was zum Teil auch auf die sehr herausfordernden Witterungsbedingungen zurückzuführen war.
Yvonne Kohler und Frank Sittner (Holger Hedelt hat einen anderen Verein angegeben, der war noch schneller) wurden überzeugende Vereinsmeister:in, Yvonne hat darüber hinaus ihre Altersklasse gewonnen. Kerstin Hommel wurde immerhin Zweite in ihrer AK, Kerstin Conrad Altersklassendritte. Allen, die es geschafft oder immerhin versucht haben, herzlichen Glückwunsch, 100 Meilen sind im Ultralauf nicht umsonst eine Königsdistanz das macht man nicht so mit links, finde ich zumindest.
Ich selber bin etwas hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben, die halbstündige Zeitstrafe war darüber hinaus ein bisschen peinlich, aber dazu später mehr.

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Zum Start waren wir alle noch gut drauf, da war es noch kühl. Aber wir wurden am vorabendlichen Briefing und um Punkt 06:00, als es dann losging, gewarnt, bloß genug zu trinken.
Diese Warnung wollte ich unbedingt beherzigen, denn es drohte sehr heiß und schwül zu werden, weit über 30 Grad. An Verpflegungsstationen war kein Mangel, 26 waren ausgewiesen, das ist für einen Hundertmeiler reichlich. Nach spätestens 8km kam eine, dort konnte man mindestens Wasser mit seinem eigenen Becher fassen. Überhaupt war die Veranstaltung traditionell superorganisiert – man hat es mir vorher so erzählt und ich habe es selber so erfahren. Das war wirklich „Betreutes Laufen“. Auch die Markierungen, tagsüber grüne Pfeile mit drei Punkten, nachts blaue Reflektoren, waren nicht zu übersehen, vielleicht mit einer Ausnahme, aber dazu später.
Die Strecke ging vom Eisstadion „Erika Hess“ in Berlin Mitte entlang der Mauer diesmal gegen den Uhrzeigersinn (wird jährlich abgewechselt). Nach ein bisschen Pankow kam man für meine Begriffe relativ bald in ländliche Gebiete und fand sich ziemlich schnell im Norden auf der Höhe Glienicke, Frohnau und Hermsdorf wieder. Nach erstmaligen Kreuzen der Havel wurde in Hennigsdorf der erste Wechselpunkt erreicht und da wurde es schon ziemlich schwülheiß, auch wenn die Sonne wegen einer dichten Wolkendecke nicht so brannte, es war eher diesig, aber eben heiß.Von da ging es schon (naja, gerade mal der erste Marathon durch) südlich, bei Spandau auch ein bisschen durch kühlenden Forst, bis man nach Potsdam und seine schönen an der Havel gelegenen Vororte kam. Bei Schloss Sarcow, dem zweiten Wechselpunkt in den Siebzigern, musste ich schon ein bisschen pausieren, denn ich schwitzte grotesk und verbrauchte unglaubliche Mengen Wasser. Aber es half ja nichts, weiter. Wie in einem Touristenfilm tauchten die Glienicker Brücke und die Pfaueninsel auf, dann ging es wieder nach Babelsberg. Dort an einer VP wurde mir leider so übel, dass ich mich heftigst übergeben musste, auch Krämpfe traten auf. Deshalb musste ich danach auf dem langen Talweg geradeaus viel gehen und habe viel Zeit verloren. Es waren aber immer wieder Freunde da, die sich anboten, ein Stück mit mir zu gehen, das hat mir ebenso wie diverse Mittelchen wieder Kraft gegeben. Unter anderem habe ich alkoholfreies isotonisches Pils entdeckt, das wirkte mild eloktrolytisch, so dass ich wieder einigermaßen normal loskonnte.
Und dann habe ich doch zusammen mit einer Freundin die VP18 verpasst, die etwas abseits der Strecke lag und über einen Stichweg zu erreichen war. Gemerkt haben wir es erst an der nächsten VP – Zeitstrafe! Naja, es gibt schlimmeres im Leben, vielleicht war ich auch nicht mehr ganz so aufmerksam, wie ich es hätte sein sollen. Bestzeitfähig sollte der Lauf sowieso nicht mehr werden.
An der VP21 im Süden vor dem Flughafen wurde mir leider nochmals übel und Krämpfe hatte ich auch dabei. Es gab zum Teil deutliche Ermahnungen, doch jetzt bitte aufzuhören, doch wenn ich eines mittlerweile ziemlich gut kenne, dann meine letzten Reserven. Und mit denen wollte ich heute die East Side Gallery und das Brandenburger Tor sehen. Und weiter!
Aber die Nahrungsaufnahme war wirklich aufwendig geworden, da ich nur ganz kleine Vogelschlückchen zu mir nehmen konnte, da war fast schon wieder die nächste VP in Reichweite. Der Treptowkanal in Rudow kam, die leuchtende überdimensionale Jacobs-Krönung-Reklame, die sich auch noch so schön im Wasser spiegelte, ist vielen Läufern aufgefallen, ein schönes Läuferstillleben.
Irgendwann kam man durch Neukölln, leicht bekleidete Damen ohne Begleitung schauten einen etwas irritiert an, aber eines war sicher klar: Kundschaft sieht anders aus. Bis weit ins Zentrum kamen immer wieder schöne Park- und Kanalstücke, und irgendwann war sie da. Die East-Side-Gallery. Danach nur noch 10km Sightseeing mit den „üblichen“ Sehenswürdigkeiten, das Brandenburger Tor menschenleer in der Morgensonne.

holger mwlUnd dann kam noch Claudia Lederer vorbei, die auf Mutter-Tochter-Berlinausflug war und mal gucken kam, wer denn so auf dem Mauerweg unterwegs ist. Wen man halt so trifft Sonntags morgens an der Spree.
Rein ins Ziel und ins Bett.
Denn für die Siegerehrung musste man ausgeschlafen sein. Das heißt beim Mauerweglauf nämlich, alle, ausnahmslos alle Finisher kamen auf die Bühne, gestaffelt nach Zeiten, und bekamen ihre Medaille, wohlgemerkt nachdem noch einige Grußworte von offizieller Seite ausgesprochen worden waren.
Eine begründet respektvolle Veranstaltung, hat doch der Mauerweg sowohl eine traurige Vergangenheit als auch eine starke hoffnungsträchtige Botschaft für unsere Zeit: Vieles, was als unabänderlich hingenommen wird, kann geändert werden, wenn man nur will. Nicht jeder muss, nicht jeder kann 100 Meilen laufen, aber jeder kann den ersten Schritt tun. Ultralauf ist so viel mehr als nur Laufen.

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