Trans Gran Canaria 2020 mit 128 km, 7.500 hm
Wie das bei einem so frühen Rennen im Jahr gern mal ist, bin ich als Vater zweier Kleinkinder und Vollzeitberufstätiger an der Startlinie des TGC nicht so gut vorbereitet gewesen, wie ich es mir gewünscht hätte.
Entsprechend nervös war ich in den letzten Stunden vor dem Rennen, auch weil ich einfach lange nicht so viel Erfahrung habe wie viele hier bei der LG Ultralauf. Essen, nicht Essen, Füße eincremen, nicht eincremen, Dropbag voll oder Mut zur Lücke??? 
B1bMit dem Startschuss am Strand und einem grandiosen Feuerwerk war um 23 Uhr sämtliche Aufregung mit einem Mal verflogen. Die ersten Kilometer liefen gut, nachts laufe ich an sich sehr gern.  800 Stirnlampen schlängelten sich die ersten Serpentinen rauf, immer wieder ein tolles Schauspiel. Bereits auf den ersten Kilometern ging es über sehr steinigen Bodenbelag und Geröllfelder – Streckenbeschaffenheiten, die mir hinten raus immer mehr Probleme machen sollten.
Bis zur Dämmerung konnte ich recht locker die ersten 40 Kilometer abspulen und das Feld von hinten aufrollen. Zum Ende der Nacht bin ich ungünstig gestrauchelt und am Rand in einen Kaktus getreten, der prompt Schuh und Fuß durchbohrt hat.  Ein Stück des Stachels konnte ich entfernen, der Rest musste eben drin bleiben. Im Nachgang betrachtet, wäre es sicherlich klüger gewesen, mir noch im Rennen am VP eine Pinzette zu besorgen.
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Mit Sonnenaufgang wurde es schnell wärmer auf der Insel. Statt der 3 Grad, die ich am Vortag noch am Düsseldorfer Flughafen hatte, wurden es zum Mittag 24 Grad. Ich bin absolut kein Schönwetterläufer und musste mit jeder Stunde in der Sonne mehr beißen. Zur Rennhälfte entwickelten sich die ersten größeren Blasen an den Füßen. Mit 2Skin habe ich versucht, Schlimmeres zu vermeiden, jedoch war durch Blasen und Kaktus nun jeder Schritt schmerzvoll. Aus meiner Sicht etwas zu früh, insbesondere da die zweite Rennhälfte es in sich hatte. Beruhigend war lediglich der Blick auf die Uhr. Zur Halbzeit lag ich 4 Stunden vor Cutoff – theoretisch dürfte also nichts mehr anbrennen.
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Ab Kilometer 75 ging es dann über knapp 10 Kilometer zum höchsten Punkt des Rennens und ich war stehend K.O. – Mir wurde klar, dass mir nun ein ziemlich langer und heißer Spaziergang bevorsteht und ich habe versucht, mein Mindset entsprechend einzustellen. Oben sollte immerhin mein Dropbag auf mich warten. 
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Je näher ich dem Gipfel kam, desto besser konnte ich mich wieder fangen und positiver auf das Rennen sehen. Zum ersten Mal in einem Wettkampf habe ich mich nach 30 Stunden Wachheit zu einem 15 Minuten Powernap entscheiden. Diese Pause hat mich zumindest im Kopf wirklich gut erfrischt und mir Motivation für die nächsten Kilometer beschert.
Dennoch wurden die Kilometer auf dem harten Felsboden immer schwerer. Die verhärtete Muskulatur hat es mir sehr schwer gemacht, noch dynamisch über die Felslandschaften zu hüpfen. Im Gegenteil, immer wieder musste ich lange Passagen marschieren und mich damit anfreunden, dass ich für einen Kilometer jetzt 10 Minuten oder mehr brauchte. Für den Kopf nicht ganz einfach, vor allem, wenn man den Fehler macht und die verbleibenden Kilometer hochrechnet.
Als es in die zweite Nacht ging, war ich am absoluten Tiefpunkt angelangt. Wunde Stellen, Krämpfe, Blasen und wie so oft die Frage nach dem Warum. Der Gedanke ans Aufgeben spitze sich zu, als beim vorletzten VP, 18 Km vor dem Schluss ein anderer deutscher Läufer „den Bus bestellte“. Einzig die Tatsache, dass ich noch 7 Stunden Zeit für die letzten 18 Kilometer hatte, konnte mich dazu bewegen, wieder auf die Strecke zu gehen. Ich versuchte immer wieder mir klar zu machen, dass es nicht um die Frage geht „ob ich die letzten km noch mache“, sondern nur um das „wie“. Ich habe mich quasi permanent gefragt „sei ehrlich, kannst du hier noch mal antraben?“.
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Zum Ende der Strecke wurde die Steigung deutlich geringer und die Strecke wieder laufbarer – wenn man das denn noch laufen kann. Phasenweise konnte ich immerhin eine 6er Pace realisieren, was den großen Vorteil hatte, dass ich dem Ziel wieder deutlich schneller näherkam. Für den Kopf wirklich Gold wert.
Nach etwas über 27 Stunden kam tatsächlich das andere Ende der Insel und somit der Strand in Sicht. Der Zieleinlauf nach 27:29 Std. war schlichtweg grandios und eine riesige Erleichterung. Die Tatsache, dass nur knapp 430 der 800 Starter innerhalb der 30 Stunden als Finisher gewertet wurden, zeigt für mich die Härte des Rennens. Am liebsten hätte ich mich sofort im Zielbereich mit Medaille um den Hals zum Schlafen gelegt.
Als persönliches Resümee kann ich fast eine Woche nach dem Lauf sicherlich festhalten, dass ich den harten, felsigen Boden und das Laufen auf losem Geröll unterschätzt und nicht ausreichend trainiert habe. Ich hatte mich auf viel mehr „grüne Landschaft“ eingestellt. Aber Gran Canaria ist eben nicht Kreta, das musste ich lernen. Am Ende konnte ich viele neue Erfahrungen sammeln und das ein oder andere lernen. Wie sagt man so schön, wer nicht hören will, muss fühlen ?
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Ausführliche Impressionen zum Rennen in meinem Video zum Lauf: https://www.youtube.com/watch?v=iMjr2OGjb7Q&t=2787s
Text und Fotos: Karsten Meissner 13.03.2020 
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