Neuer 48-Stunden-Weltrekord der Frauen von Camille Herron – eine kurze Analyse (von außen betrachtet) und ein kleiner Einblick auf ihre Trainingsphilosophie

Text: Fabian Benz, 30.3.2023

Am vergangenen Wochenende (24.03.-26.03.23) beim Sri Chinmoy 48 Hour Festival 2023 in Bruce/Australien lief die amerikanische Ausnahme-Ultramarathonläuferin Camille Herron Frauen-Weltrekord über 48 Stunden mit 435,336 Kilometer. Nur Yiannis Kouros und Andrii Tkachuk waren jemals besser
Den Link zum Rennen inkl. Rundenzeiten findet ihr hier:https://my.raceresult.com/237957/results
Nachfolgend das Rennen von Camille Herron etwas genauer betrachtet, jedoch ist zu berücksichtigen, dass ich nicht vor Ort war und es wohl teilweise „im Strömen“ geregnet hat und ich keinerlei direkte Informationen vom Team Herron habe, wie es ihr zeitweise erging und welchen „Matchplan“ sie hatte.
Gelaufen wurde auf einer 400 Meter Bahn.
(Wenn ich im Nachfolgenden von „Pause“ schreibe, dann meine ich, dass sie für die eine Runde dann die angegebene Zeit benötigte für diese Runde inkl. der Pausenzeit)
Begonnen hat Camille Herron mit nahezu konstanten 2 Minuten pro 400 m Laufrunde, was einer Pace entspricht von 5 min/km. So ist sie die ersten 80 km (bzw. 6:43 Stunden) wie ein Uhrwerk Runde für Runde durchgelaufen.
Dann folgte wohl eine kleine Pause mit einer Rundenzeit von 27 Minuten.
Weiter ging es dann konstant mit einer Rundenzeit von ca. 2:08 Minuten pro 400 Meter (ca. 5:20 min/km) bis Kilometer 130 (bzw. Renndauer 11:30 Stunden) Es folgte eine kleine Pause von 19+4 Minuten.
Es ging weiter mit Rundenzeiten von ca. 2:12 Minuten pro 400 Meter (ca. 5:30 min/km) bis Kilometer 162 (bzw. Renndauer 15:27 Stunden). Es folgte eine Pause von 40 Minuten.
Weiter ging es dann in ziemlich (und bisher ungewohnten) unrhythmischen Rundenzeiten von 2:25 Minuten (ca. 6:03 min/km) bis teil 4 Minuten pro 400 m Runde (ca. 10 min/km). Es folgte eine Pause bei Kilometer 173 (Renndauer von 17:20 Stunden) von 43 Minuten.
Weiter ging es dann bis Kilometer 240 (bzw. Renndauer 24 Stunden. Wieder nahezu konstant von zunächst 2:08 min/Runde und kontinuierlich langsamer werden auf 2:20 min/Runde (ca. 5:50 min/km). Es folgte eine Pause von 37 Minuten.
Weiter ging es mit einer Pace von 2:25-2:30 min/Runde (6:03-6:15 min/km).
Bei Kilometer 274 (bzw. Renndauer 27:30 Stunden) folgte eine kleine Pause von 20 Minuten.
Weiter mit der gleichen Pace von 2:25-2:30 min/Runde.
Kleine Pause von 14 Minuten bei Kilometer 300 (Renndauer 31:24 Stunden).
Weiter mit der gleichen Pace bis Kilometer 322 (Renndauer 34:09 Stunden) und dann eine Pause von 30 Minuten.
Weiter mit einer Pace ca. 2:30 min/Runde bis Kilometer 339 (36:41 Stunden) und dann eine Pause von 13 Minuten.
Weiter mit der gleichen Pace bis Kilometer 355 (38:33 Stunden) und eine Pause von 13 Minuten.
Weiter mit einer Pace von 2:30-2:40 min/Runde (ca. 6:15-6:40 min/km) bis km 362 (39:27 Stunden) und dann Pause mit 11 Minuten.
Nach 370 km (40:28 Stunden) Pause von 10 Minuten.
Nach 386 (42:16 Stunden) Pause von 10 Minuten.
Bei km 400 (43:54 Stunden) Pause von 10 Minuten.
Bei km 412 (45:17 Stunden) Pause von 10 Minuten.
Ab jetzt dann eher Rundenzeiten von 2:40-2:50 min/Runde (6:40-7:05 min/km) bis zum Schluss.

Während sie in den ersten 24 Stunden etwa 240 Kilometer zurücklegte, waren es in den zweiten 24 Stunden dann ca. 195 km.
Insgesamt legte sie 1088 Runden á 400 Meter zurück, was insgesamt 435,336 Kilometer ergeben. Dies entspricht einer Pace von 6:37 min/km über 48 Stunden gerechnet.

Mich würde natürlich brennend interessieren, wie Camille Herron (allgemein) trainiert. Leider kenne ich sie persönlich nicht, sonst würde ich sie einfach fragen. Ebenso habe ich keinerlei Trainingsaufzeichnungen von ihr vorliegend. Aber ich habe einen interessanten Artikel über sie gefunden, welcher Ende Januar 2023 im Trailrunnermag veröffentlich wurde (Link:https://www.trailrunnermag.com/training/camille-herron-says-skip-the-long-run/)

Auf die Frage, wie sie es schaffe trotz ihres Alters von über 40 Jahren noch Weltrekorde zu brechen antwortete sie damals: Sie macht nur ein oder zwei lange Läufe im Monat (keine über 22 Meilen) und sie macht nie zwei lange Läufe hintereinander, also keine „Doppeldecker“. Stattdessen konzentriert sie sich auf das „kumulative Volumen“ und die „Laufhäufigkeit“. Also über viele Trainingseinheiten mit kleineren Laufumfängen erfolgt das „Kilometersammeln“ im Training.
An den meisten Tagen läuft Herron 10 bis 15 Meilen am Vormittag und nach einer Ruhepause von 4-5 Stunden dann ein erneuter Lauf von 6-7 Meilen.
Diesen Trainingsansatz von „Dopple-Run-Day-Sessions“ ist vor allem im Marathon (und kürzeren Distanzen) weit verbreitet. Im Ultramarathonbereich ist dagegen eher der „Lange Lauf“ und „Doppeldecker“ etc. verbreiteter. In dem zitierten Artikel wird die Trainingsphilosophie mit „Dopple-Run-Sessions“ und nur wenige „Lange Läufe“ von der Professorin Karen Troy (of biomedical engineering and the director of the musculoskeletal mechanics lab at Worcester Polytechnic Institute) unterstützt. Sie argumentiert und zitiert auch eine wissenschaftliche Studie bei Mäusen, dass die Knochen bereits auf einen Laufbelastungsreiz von nur einer halben Meile reagieren und dies zu einer positiven Adaptation führt. Jeder Kilometer mehr führt rein auf die Knochenadaptation betrachtet zu keiner weiteren Anpassung mehr, eher häufen sich dann die möglichen Schäden am Knochen als dass der Belastungsreiz dem Knochen verhilft, stärker zu werden. (im Gegensatz dazu führen längere Laufbelastungen auch immer noch zu weiteren Adaptationen im Muskel- und Herz-Kreislauf-System).

Camille Herron orientiert sich laut dem Artikel im trailrunnermag an einem Trainingszyklus von 2 Wochen. In diesem Zeitraum absolviert sie vier Haupttrainingseinheiten:
1) kurze Intervalle wie 400-Meter
2) lange Intervalle wie Ein- bis Drei-Meilen
3) einen Steigerungslauf, der in der Regel in einen langen Lauf integriert wird
4) eine Berglaufeinheit (sowohl Bergauf als auch die Bergab für die exzentrisch Belastung)
Alle anderen Lauftrainingseinheiten läuft sie als „easy runs“ und zweimal pro Woche absolviert sie im Rahmen dieser „easy runs“ noch sogenannte „strides and drills“. Was genau sie dabei macht ist leider nicht beschrieben, aber ich vermute mal, es sind sogenannte kurze „Steigerungsläufe/-elemente“ am Ende einer langsamen Trainingseinheit gemeint.

In einem anderen Artikel vom kanadischen Runningmagazin (Link: https://runningmagazine.ca/sections/training/train-like-world-champ-camille-herron-with-these-tips/)von September 2022 finden sich auch diese oben beschriebenen Trainingsphilosophien von Camille Herron und sie gab dabei 3 Trainingstipps:
1) „Run slowly, most of the time“:
Die „easy runs“ läuft sie mindestens eineinhalb bis zwei Minuten pro Meile langsamer als ihr Marathon-Renntempo. So können sich ihre Beine und ihr Körper gut erholen und ihre starke aerobe Basis bleibt erhalten.
2) „Try shorter, more frequent runs to increase volume“:
Die läuft durchaus Wochenkilometer von 160-220 km, aber kein Lauf länger als ca. 42 km und niemals zwei lange Läufe nacheinander. Sie läuft dagegen täglich zwei Läufe, den ersten Lauf um die Mittagszeit von 16-24 km und den zweiten Lauf am späten Nachmittag oder Abend von etwa acht bis 12 km. Insgesamt so 12-13 Läufe pro Woche.
3) „Focus on recovery, nutrition and sleeping well“:
Schlaf und gute Ernährung haben für sie Priorität, ebenso wie Spaß und Zeit mit der Familie, aber sie liebt wohl auch Bier (hat wohl früher sogar ihr eigenes Bier gebraut) und Tacos

Insgesamt finde ich natürlich ihren neuen 48-Stunden-Frauenweltrekord extrem beeindruckend. Ganz großen Glückwunsch an dieser Stelle an sie.
Aber auch ihre Trainingsphilosophie ist durchaus sehr spannend, jedoch sicherlich nicht eins zu eins auf andere anwendbar.

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