24h-Meisterschaften – Teil 1: Entwicklung der Teilnehmer

Der 24h-Lauf ist eine faszinierende Disziplin. Die Renntaktik ist unglaublich komplex, es gilt, zahlreiche Entscheidungen zu treffen und ein Fehler kann schnell eine Krise einläuten oder gar das plötzliche Ende bedeuten. Renntempo, Ausrüstung, Ernährung sind offensichtlich wichtig, aber auch mentale Elemente spielen eine große Rolle, denn es ist eine wahre Kunst, über 24h auf einer 1km langen Runde stets die Motivation und den Fokus hoch zu halten. Insbesondere Meisterschaften leben von der Atmosphäre der Leistungsbereitschaft und die meisten Bestzeiten werden bei solchen Gelegenheiten erzielt.

Der 24h-Lauf fasziniert auch deswegen, weil die Aufgabe recht einfach klingt: Es gilt, sich das Rennen so einzuteilen, dass am Ende des Tages die maximal möglichen Kilometer erreicht werden! Aber sowohl Schnelle als auch Langsame scheitern aus vielfältigen Gründen regelmäßig daran. In einer Serie von Artikeln möchte ich das Thema „Meisterschaften im 24h-Lauf“ ein wenig beleuchten und so die Motivation erhöhen, um an der diesjährigen Meisterschaft teilzunehmen. Zunächst ein wenig Geschichte, dann später etwas zum Training.

BUF Logo kleinDer 24h-Lauf ist die längste Laufdisziplin, in der es nationale und internationale Meisterschaften gibt. Am 14. Mai findet in Bottrop bereits die 33. Meisterschaft statt, im September folgt dann die Europameisterschaft in Verona, die von der IAU, der internationalen Ultralauf-Vereinigung veranstaltet wird. Man kann sich in Bottrop dafür qualifizieren. Warum nicht versuchen, die Kadernorm zu laufen?

Die Teilnehmerentwicklung

Jahr Wo Männer Frauen gesamt   Jahr Wo Männer Frauen gesamt
1989 Mörlenbach 50 7 57 2005 Reichenbach 91 17 108
1990 Elze 44 8 52 2006 Reichenbach 88 18 106
1991 Apeldoorn 48 11 59 2007 Scharnebeck 89 29 118
1992 Köln 42 10 52 2008 Berlin 77 18 95
1993 Basel (CH) 48 11 59 2009 Stadtoldendorf 91 24 115
1994 Apeldoorn (NL) 46 10 56 2010 Rockenhausen 100 33 133
1995 Bobingen 48 10 58 2011 Reichenbach 104 33 137
1996 Fellbach/Schmieden 61 11 72 2012 Stadtoldendorf 56 21 77
1997 Reichenbach 62 5 67 2013 Karlsruhe 82 32 114
1998 Scharnebeck 57 14 71 2014 Berlin 69 22 91
1999 Basel 59 15 74 2015 Reichenbach 110 24 134
2000 Hamburg 87 20 107 2016 Basel (CH) 56 20 76
2001 Fellbach/Schmiden 47 15 62 2017 Gotha 105 31 136
2002 Reichenbach 86 14 100 2018 Bottrop 106 47 153
2003 Scharnebeck 59 16 75 2019 Bottrop 72 30 102
2004 Hamburg 67 17 84 2021 Bad Blumau (A) 29 20 49

Teilnehmerentwicklung

Die Kurve ist schon erstaunlich und steht komplett im Widerspruch der Entwicklung zum 100km-Lauf, der hier (LINK) dokumentiert ist.

Der Trend bis zum Jahr 2018 zeigt eine Steigerung der Teilnehmer. 2019 folgte ein Absturz, 2020 fielen sämtliche Meisterschaften Corona zum Opfer und 2021 erfolgte ein weiterer Absturz. Hauptgründe für die Negativrekord-Beteiligung sind zum einen die relativ kurzfristige Bekanntgabe der Meisterschaft und zum anderen der Ort in Bad Blumau in Österreich.

Auf den ersten Blick erkennt man recht heftige Ausschläge nach oben und unten und jeder Ausschlag hat einen interessanten Grund. Manchmal ist er recht banal: Die Strecke ist unattraktiv oder die Bekanntgabe des Termins erfolgte kurzfristig oder der Termin konkurrierte mit anderen, attraktiveren Läufen.

Es gibt aber auch andere Gründe, denn die Teilnehmerzahlen spiegeln auch die Entwicklung der DUV wider. Die 100km-Meisterschaft war schon immer eine DLV-Meisterschaft mit Startpass-Anforderung und daher waren die Teilnehmer sehr vereinsorietiert. Viele Trailläufer sind vereinslos, Spitzenläufer laufen für große Sportmarken. Die 24h-Läufer sind traditionell eher in der DUV aktiv.

Der 24h-Lauf hatte lange seine Geheimnisse: Wie trainiert man dafür? Wieviel und vor allen Dingen: was solle man im Wettkampf essen und trinken? Ob Nüchternläufe, Doppeldecker oder Tempotraining: Es gab für alle Theorien prominente Befürworter und mindestens ebenso viele Skeptiker. Einen Konsens gab es nur bei der Feststellung, dass jeder Ultraläufer anders ist.

Erst 2009 hatte ich erste Texte für die DUV-Zeitschrift ULTRAMARATHON und der DUV-Homepage zum 24h-Training und zur Wettkampfgestaltung veröffentlicht (LINK). 2010 organisierte ich dann zusammen mit Julia und Chris Fatton sowie Jens Lukas ein DUV-Trainingslager zu diesem Thema. Mittlerweile sind einige Ultralauftrainingsbücher erschienen, die das Thema ebenfalls aufgreifen.

2009 war allerdings ein „schwieriges Jahr“ in der Ultralaufszene. Es gab Stress innerhalb des DUV-Präsidiums und als Folge zwei Meisterschafts-Angebote für den 24h-Lauf, die sogar am gleichen Tag in der gleichen Region stattfanden: eine DLV-Challenge als einen ersten Versuch, auch die 24h-Meisterschaft an den DLV zu übertragen und die DUV-Meisterschaft von denen, die diese Meisterschaft lieber bei der DUV sehen wollten. „Abgestimmt wird mit den Füßen“, war der Slogan der DUV-Treuen. In diesem Kontext entstanden die Trainingstexte und wurde viel Wirbel um den 24h-Lauf gemacht. Die Abstimmung endete mit 115 zu 24, hatte aber einen erheblichen Kollateralschaden hinterlassen.

24h 2009 Podest

Das Podest der DUV-Meisterschaft 2009 zeigte einige bekannte Namen. Links der damalige DUV- und LG DUV-Präsident Stefan Hinze. Aus der LG DUV entstand später die LG Ultralauf. Dann folgen Michael Hilzinger, Michael Irrgang, Patrick Hösl, die nicht nur alle im darauf folgenden Jahr an der 24h WM teilnahmen, sondern alle einige der längsten Mitglieder der LG Ultralauf sind. Es folgen Ralf-Ortwin  Ernst, Norbert Madry, das spätere DUV-Präsidiumsmitglied und DLV-Ultramarathonberater und Hubert Karl, der Spartathlon-Rekord-Finisher, Nikolaos Adam und Ralf Ruppert.

2010 richtete dann die DUV über die im Jahr 2008 gegründete LG DUV selbst die 24h-Meisterschaft aus und ein neuer Teilnehmerrekord wurde aufgestellt. 2011 fand der Lauf zum fünften Mal in Reichenbach statt, wo jedes Mal sehr viele Teilnehmer kommen, aber schon 2012 kam wieder ein harter Einbruch etwa mit einer Halbierung der Teilnehmerzahlen. Es gab mal wieder Stress in der DUV und fast das gesamte Präsidium wurde bei der Mitgliederversammlung abgewählt. 2013 wurde die DUV-Meisterschaft im 24h vom beliebten DUV-Förderstützpunkt Karlsruhe ausgerichtet. 2014 wurde in Berlin zum zweiten Mal eine 24h-Meisterschaft ausgerichtet und abermals konnten sich nicht viele Laufbegeisterte zu einer Teilnahme entschließen. Allerdings gab es zum ersten Mal die Durchsetzung der 100km-Mindestleistung und so wurden 8 Teilnehmer mit einer Leistung von über 45 nur im offenen Lauf gewertet.

In der Vergangenheit war es üblich, dass alle Teilnehmer, die mehr als 40 km gelaufen sind, in der Meisterschaft gewertet wurden und teilweise sogar Podestplätze erzielten. Später wurden – auch rückwirkend, was zwar heftigen Protest auslöste, aber nichts mehr änern konnte – alle Leistungen unter 45km in der Statistikdatenbank gelöscht. Für die Ausrichtung und das Regelwerk war bis 2018 die DUV zuständig und obwohl sie Mindestleistungen schon immer (?) definiert hatte, wurde diese Wertungsbedingung nur sporadisch angewandt, nämlich in den Jahren 1994, 1998,1999. In den Jahren 2006 und 2011 haben insgesamt 23 Personen keine 100km geschafft!

Übrigens war ich 2014 der Sportwart der DUV und sorgte dafür, dass die Mindestleistung für ältere Altersklassen reduziert wurde, aber für alle auch konsequent angewandt wurde. Es folgten Meisterschaften in Reichenbach mit einer wieder sehr hohen Teilnehmerzahl und einer Meisterschaft im Dauerregen in Basel mit einer geringen Teilnehmerzahl. In Basel (CH) wurde bereits zum zweiten Mal eine DUV-Meisterschaft ausgetragen, 1994 fand sie in Apeldoorn (NL) statt. 2016 gab es nun das Luxusproblem zweier guter Bewerber und als einmaligen Vorgang wurden damals gleich für zwei Jahre die Meisterschaften vergeben: Gotha und Bottrop. Beides waren großartige Veranstaltungen mit Rekordbeteiligung. In Bottrop erreichten 152 Teilnehmer ihre Mindestleistung!

2019 gab es bei gleicher Strecke, gleiche Orga und gleiches heißes Wetter einen Teilnehmereinbruch von 30%. Ein Grund hierfür ist, dass es nach einigen Jahren wieder eine Annäherung zwischen DUV und DLV gegeben hat mit dem Ergebnis, dass alle Meisterschaften, zu denen es auch internationale Meisterschaften gibt, als DLV-Meisterschaft ausgerichtet werden. Und das hat zur Folge, dass jeder Meisterschaftsteilnehmer einen Startpass haben und für seinen Verein starten muss. Der typische 24h-Läufer ist aber eher ein Lauf-Exot, der außerhalb der DUV-Förderstützpunkte kaum Gleichgesinnte im Verein findet und daher oftmals vereinslos ist.

M.E. ist eine gute Zusammenarbeit von DUV und DLV bei der Ausrichtung von Meisterschaften sinnvoll. Allerdings sollten ein paar Meisterschaftsregeln und Bedingungen für die Ausrichter ein wenig feinjustiert werden.

Prognose für die Zukunft? Die letzten Jahre waren sicher nicht repräsentativ und so blüht die Hoffnung auf viele Teilnehmer und ein richtiges Lauffestival in Bottrop. Es gibt regional im Mai einige andere attraktive Veranstaltungen, aber als 24h-Lauf bietet er beste Voraussetzungen für eine große Veranstaltung mit ansprechenden Leistungen. Möglicherweise kommen auch aus dem benachbarten Ausland einige Spitzenläufer, die in Bottrop die EM-Qualifikation laufen wollen.

24h kuehlen

Im Laufe von 24h schwanken die Temperaturen meist zwische 15 und 20 Grad, wobei das Kühlen deutlich schwieriger ist, als das wärmen. So eine Wanne mit kaltem Wasser in einer angenehmen Höhe ist ideal!

Die Meisterschaften im 24h-Lauf hebt sich von anderen 24h-Läufen sowohl was die Anzahl der Teilnehmer angeht als auch deren Leistungen deutlich von anderen 24h-Läufen ab. So verwundert es nicht, dass viele Teilnehmer diese besondere Atmosphäre nutzen, wenn sie ihre läuferischen Höhepunkte planen.

Läufer Teilnahmen km gesamt
 Ludwig, Manfred 22 3.690
 Zimmermann, Walter 22 3.363
 Horn, Winfried 19 2.680
 Stierhof, Leonhard 19 2.217
 Lehrhuber, Albert 15 2.916

Manfred Ludwig und Walter Zimmermann führen die Männerliste an mit je 22 Teilnahmen. Manfreid lief 2019 seinen letzten und Walter noch 2020. Mal sehen, wen wir in Bottrop wiedersehen werden. Insgesamt gibt es 23 Männer mit 10 oder mehr Teilnahmen.

Läuferin Teilnahmen km gesamt
 Bayer, Else 15 2.112
 Heinlein, Marika 12 2.382
 Pawzik, Heike 12 2.136
 Horn, Gisela 12 1.652
 Backhaus, Helga 11 2.172
 Hausmann, Martina 11 1.963
 Eichner, Sigrid 10 1.350

Bei den Frauen hat Else Bayer einen kleinen Vorsprung. Während sie allerdings 2011 ihre letzte 24h-Meisterschaft lief, ist Marika noch aktiv.

Die Bandbreite des Alters ist beim 24h-Lauf höher als bei jeder anderen Ultralauf-Disziplin, da die Mindestleistungen im Vergleich zu den Zeit- oder Leistungslimits moderat sind. Das Mindestalter ist 20 und die ältesten Teilnehmer sind jenseits der 80. Auch kann man ein einmal erreichtes Niveau über viele Jahre halten, da Erfahrung einen hohen Wert hat.

Ein wenig erstaunt es, dass die Männer ein anderes Wettkampfverhalten als Frauen zeigen und der Meisterschaft länger treu sind. Das hängt mit vielen Faktoren zusammen, z.B. auch der Reisebereitschaft oder der Betreuung aus dem familiären Umfeld.

Kann man viele Jahre sein Niveau halten, so liegt die Vermutung nahe, dass auch oft die gleichen Personen auf dem Podest zu finden sind. Erstaunlicherweise sind hier die Statistiken der Mehrfachgewinner bei Frauen und Männer wieder recht unterschiedlich.

Läufer Pl 1 Pl 2 Pl 3 Teilnahmen
 Reus, Florian 4 1 0 8
 Thoms, Stu 3 0 2 9
 Samulski, Peter 3 0 0 4
 Lukas, Jens 3 0 0 4
 Leuze, Marcel 2 1 0 4
 Heukemes, Achim 2 1 0 5
 Dutz, Sigurd 2 1 0 6
 Maier, Michael 2 0 0 3

Florian führt die Liste mit 4 Siegen an. Bei 8 Teilnamen kam noch ein 2. Platz dazu. Ebenfalls 5 Medaillen hat Stu bei 9 Meisterschaftsteilnahmen. Peter und Jens konnten bei nur 4 Teilnahmen jeweils dreimal gewinnen. Die übrigen Gewinnder der Meisterschaften waren Jan Prochaska, Felix Weber, Rene Strosny, Helmut Schieke, Günter Marhold, Thomas Kabuss, Dietmar Mücke, Michael Hilzinger, Eugen Leipner, Martin Armenat, Helmut Dreyer, wobei lediglich Martin A. nur eine Teilnahme zu Buche stehen hat.

Läuferin Pl 1 Pl 2 Pl 3 Teilnahmen
 Backhaus, Helga 7 3 0 11
 Krause, Antje 7 1 0 8
 Heinlein, Marika 3 3 3 12

Lediglich 3 Frauen konnte die Meisterschaft mehr als einmal Gewinnen und haben unglaubliche Bilanzen. Helga konnte bei 11 Teilnahmen siebenmal gewinnen und belegte dreimal Platz 2. Sie prägte die Zeitspanne von 1989 bis 2001. Antje wurde bei ihrer ersten Teilnahme 2009 Zweite und konnte bei allen weiteren 7 Teilnahmen zuletzt 2019 in Bottrop jeweils gewinnen.

Marika hatte ihre Siege 2006 bis 2009 erzielen können, bevor Antje den Wettbewerb beherrschte. Sie hat mittlerweile bei 12 Teilnahmen jede Medaille in dreifacher Ausfertigung.

Ilona Schlegel,Sigrid Lomsky, Else Bayer, Barbara Szlachetka, Monika Belau, Julia Jezek, Cornelia Bullig, Anke Libuda, Anke Drescher, Monika Peter, Anna Dyck, Melanie Straß, Gabriele Grohmann, Martina Hausmann, Monika Kuno heißen die anderen Meisterinnen, wobei Sigrid Lomsky, Julia Jezek und Monika Kuno nur einmal teilnahmen.

Bei allen statistischen Unterschieden zwischen Männer und Frauen gibt es eine interessante Parallele. Im letzten Jahr in Bad Blumau gewannen Julia Jezek und Martin Armenat jeweils bei ihrer ersten 24h-Meisterschaft, bei Julia sogar in ihrem ersten 24h-Rennen überhaupt. Beide starten im nächsten Jahr für Die Laufpartner, sind beide bereits für die kommende Meisterschaft gemeldet und treten an, um ihre Titel zu verteidigen. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen ist eine Titelverteidigung bereits neunmal geglückt. Stu Thoms gewann dreimal hintereinander 2014 bis 2016 und bei den Frauen gewann Antje Krause von 2013 bis 2017 insgesamt fünfmal hintereinander.

Ein in Kürze erscheinender zweite Teil wird die Leistungen bei den 24h-Meisterschaften untersuchen. Sind sie wohl eher besser oder schlechter geworden? Wo stehen die Deutschen im internationalen Vergleich? Wo stehen die Meisterschaftsrekorde? Die Antworten werden schon formuliert. Im dritten und letzten Teil geht es dann um das Training für einen 24h-Lauf.

27.12.2021 Text Michael Irrgang, Bilder: Martina Stumpf-Irrgang, Michael Irrgang, die Zahlen sind der DUV-Statistik entnommen.

Alle Artikel zur Geschichte der 24h-Meisterschaften:
Teil 1 – Entwicklung der Teilnehmerzahlen
Teil 2 – Leistungsentwicklung
Teil 3 – Mannschaften

Nach oben scrollen