Text: Matthias Kröling, Bilder: s. Bildunterschriften, 8.8.2021

Vorweg:

Dieser Bericht ist länger geworden als vorher gedacht. Er soll Einblicke in das noch relativ neue Format des Backyard-Ultras geben. Der Bericht bietet einerseits Hinweise zur Renngestaltung eines Backyards, andererseits ist er ein „Erlebnisprotokoll“, das in chronologischer Erzählung Einblicke in das emotionale Auf und Ab eines Backyard-Läufers gewährt.

Prolog: There is no finish

Die Vielfalt bei Ultralauf-Veranstaltungen ist immens. Es gibt 100km-Läufe auf flachen, schnellen Asphaltrunden. Oder 24h-Läufe, die sich nur auf einer Tartanbahn innerhalb eines Stadions abspielen. Meistens wird in der Natur gelaufen, mal länger, mal kürzer, mal von Punkt zu Punkt, mal eine große Runde. Mal in den Bergen, mal am Strand, mal durch den Wald und oft von allem etwas. Es gibt Mehrtagesläufe und es gibt Etappenläufe, bei denen sich die Läufer:innen durch Länder oder ganze Kontinente bewegen.

Das Wesen aller dieser Läufe eint die Gemeinsamkeit, dass es ein im Vorfeld festgelegtes Ziel gibt. Dies kann eine zu absolvierende Distanz (etwa ein 100 Meilen-Lauf) oder Zeit (etwa ein 6h-Lauf) sein oder ein zu erreichender Ort (bei einem Etappenlauf). Auch die kleinen, von den Läufer:innen selbst festgelegten ‚Zwischenziele‘ (etwa: „bis zum nächsten VP“ oder „bis zum Sonnenaufgang“) bewegen sich entlang der im Vorfeld festgelegten Ziele von Strecke und Zeit.

Ausscheidungsrennen wie der Backyard Ultra funktionieren fundamental anders. Ihrem Wesen nach ist kein Limit der zu absolvierenden Distanz oder Zeit vorgegeben. Das Rennen kann nach 10 Stunden beendet sein oder erst nach 60 Stunden. Dementsprechend häuft sich die Anzahl der gelaufenen Kilometer. Selbstverständlich gibt es auch hier viele Läufer:innen, die sich Distanz- oder Zeitziele setzen: 15 Runden schaffen (-> 100km) oder „einen ganzen Tag laufen“ (24h -> 100 Meilen). Dies können aber immer nur Ersatzziele sein, die das Format so eigentlich nicht vorsieht. Denn das eigentliche Ziel beim Backyard Ultra ist, jeweils eine Runde in der Sollzeit zu schaffen. Und danach eine neue Runde zu laufen. Und danach eine weitere. Und noch eine. Und noch eine. Just one more loop. So lange, bis keine Runden mehr zu laufen sind, weil man last one standing ist. Also die letzte Person, die noch im Rennen ist und somit Sieger:in nach Absolvierung der letzten, allein zu laufenden Runde.

Bienwald 1

Hier geht’s lang zum Bienwald Backyard Ultra. (Foto: Manuel Steiner)

Während diese Vorgehensweise in den ersten Stunden locker über die Bühne geht und sich die Läufer:innen stark und fit fühlen, ertönt zu jeder vollen Stunde eine Glocke, die eine neue Runde einläutet. Die Zeiten zwischen dem Ende der vorherigen und dem Beginn der neuen Runde werden in der Regel zur Wiederherstellung der eigenen Leistungsfähigkeit genutzt, zur Verpflegung, Erfrischung und zum Ausruhen. Zu Beginn des Laufs erscheint die Pause reichlich lang und das Gewusel im Lager der Läufer:innen ist groß.

Doch nach einigen Runden schleichen sich erste Veränderungen ein. Schon bald ertappt sich der Einzelne dabei, dass er gern noch ein bisschen länger im bequemen Stuhl sitzen geblieben wäre, wenn nur nicht die Trillerpfeife, die 3 bzw. 2 bzw. 1 Minute vor dem Start ertönt, den Countdown zur neuen Runde ankündigte. Doch die Pfeife trällert unerbittlich jede Stunde auf’s Neue.

Gleichzeitig merken wiederum Andere, dass sie ihr zu Beginn des Rennens angeschlagende Tempo nicht mehr halten können und es reduzieren müssen. Oder sie streuen jetzt Gehpausen dort ein, wo sie vorher noch locker getrabt sind. Und dann kommen sie vielleicht eine oder zwei Minuten später ins Ziel als in der Runde davor. Alles immer noch kein Problem, aber nun ist die Pause zur Erholung doch ein wenig kürzer. Wenn die Glocke zur neuen Runde ertönt, ist der Körper vielleicht ein ganz bisschen weniger ausgeruht.

Läge man einen Zeitraffer über die gesamte Dauer des Events, von der ersten Runde mit vollem Starterfeld bis zur letzten Runde, die vom last one standing zurückgelegt wird, ergäbe sich ein schreckliches, ja grausames Bild voller Erschöpfung und Verzweiflung: Alle Läufer:innen starten mit frischen Kräften, fröhlichen Gesichtern und beschwingten Schritten. Doch je länger das Rennen dauert, desto ausdrucksloser bzw. angestrengter die Gesichter, desto kraftloser der Schritt. Nach und nach scheiden einfach alle aus, because they couldn’t answer the bell, wie Gary Cantrell aka Lazarus Lake sagt. Aus der Masse wird schon bald eine Gruppe, aus der Gruppe bald nur eine Handvoll, aus der Handvoll werden Einzelne. Und dann sind sie nur noch zu zweit. Spätestens ab diesem Punkt, ab diesem Zweikampf, wissen alle, dass der Lauf jederzeit vorbei sein könnte, wenn eine:r von Beiden nicht mehr antritt.

Wenn dann der oder die Siegerin auf ihrer letzten Runde unterwegs ist, dann werden alle anderen nicht mehr im Rennen sein, they did not finish (DNF). Alle bis auf einen/r haben den Kampf vorher aufgegeben. Sie haben entweder bei einer Runde das Zeitlimit nicht mehr einhalten können oder sind zu Beginn einer neuen Runde einfach nicht mehr von ihrem bequemen Campingstuhl aufgestanden, um mitzulaufen (was auf die meisten zutrifft).

Dieser Bericht handelt davon, wie ich versucht habe, möglichst oft auf die Glocke zu antworten und von meinem Campingstuhl aufzustehen. Jede Runde auf’s Neue. Just one more loop.

Der Lauf

Der Start zum 2. Bienwald Backyard Ultra ist an einem Freitagabend um 18:00 Uhr. Volker, der mich dankenswerterweise begleitet und betreuen wird, und ich brauchen für die Anfahrt länger als gedacht und treffen erst um 17:15 Uhr auf dem Veranstaltungsgelände, der Grillhütte in Kandel, ein. Dort treffen wir sofort auf Jonathan, der auch gerade erst angekommen ist. Trotzdem reicht die Zeit noch, alles Notwendige zu erledigen: Startnummer abholen, Location besichtigen (Wo sind die Toiletten? Wo ist die Verpflegung?) und das eigene Camp aufbauen. Hier zeigt sich, dass wir zwar spät, aber nicht zu spät gekommen sind. Ein abgesperrter Parkplatz direkt am Start-/Zielbereich ist bisher leer geblieben und hier können wir unsere Stühle, persönliche Dinge und Verpflegung postieren. Auf diesen wenigen Quadratmetern werden wir drei – Volker, Jonathan und ich – uns also für … ja, wie lange eigentlich? … aufhalten.

Bienwald 2

Zwischen Kühlwagen und Van: Unser Camp direkt an der Start-/Ziellinie. Niemand sollte sagen können, der Weg zum Start wäre zu weit gewesen. (Foto: Matthias Kröling)

Um 17:30 Uhr fand das Briefing statt, wobei aber nichts erwähnt wurde, was uns kalt überrascht hätte. Mir blieb noch genug Zeit, mich für den Lauf fertig zu machen und die notwendigen Utensilien und Klamotten, die ich voraussichtlich während der nächsten Stunden (Tage?!) benötigen sollte, bereit zu legen.

Kurz vor sechs trafen sich das erste Mal alle Anwesenden am Start, um kurz eine Gedenkminute einzulegen für all diejenigen Menschen, die in den vergangenen Tagen bei der Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ums Leben gekommen sind. Angesichts der Nachrichten wussten wir alle, dass es weitaus wichtigere Dinge im Leben gibt als zu laufen. Und doch waren wir in diesem Moment alle dankbar, so gesegnet zu sein, hier in Kandel bei schönstem Laufwetter an den Start eines „richtigen“ Wettkampfs gehen zu dürfen.

17:57 Uhr: *pfüüüt pfüüüt pfüüüt*

17:58 Uhr: *pfüüüt pfüüüt*

17:59 Uhr: *pfüüüt*

18:00 Uhr: *dingelingelingeling*

Und los geht’s. 2 Läuferinnen und 31 Läufer machen sich auf den Weg. Zu absolvieren ist eine wald- und damit schattenreiche Runde im Bienwald größtenteils auf Forstwegen, aber auch ein paar Abschnitte Singletrail sind mit dabei.

Jonathan und ich wollen die erste Runde gemeinsam laufen. Doch wie geht man eigentlich ein solches Rennen an, wenn völlig unklar ist, ob es 8 oder 48 Stunden dauert? Welches Tempo wählt man? Ich wollte auch hier möglichst wenig dem Zufall überlassen und nicht erst, so wie vor zwei Jahren, während der ersten Runden einen Plan stricken. Daher habe ich mir im Vorfeld den gpx-Track der Strecke auf einer Karte angeschaut und überlegt, welche Passagen sich denn für Gehpausen eignen. Dazu wählte ich anhand des Tracks markante Änderungen im Streckenverlauf (z.B. Abbiegungen), die ich auch noch nachts wiedererkennen sollte, wenn man sich an bestimmten Grashalmen, Sträuchern oder Bäumen aufgrund der Dunkelheit nicht mehr orientieren kann. Demnach teilte ich mir die Strecke in Lauf- und Gehpassagen ein. Für meine Laufpassagen kalkulierte ich mit einem Tempo von 6:45 min/km, für die Gehpausen veranschlagte ich eher langsame 12:00 min/km. Letzteres ist ja eher ein Spaziergangstempo, aber ich bin absolut kein guter Marschierer und weiß, wenn ich erstmal gehe, dann wird es gemütlich. Nachdem ich den Track nach geeigneten Gehpausen abgesucht hatte, stellte sich heraus, dass ich niemals länger als 1,3 km am Stück laufen musste. Ha, das klang beruhigend! 1,3 km am Stück werde ich doch wohl schaffen.

Hier eine Übersicht darüber, wie ich mir die 6,7 km-lange Strecke aufgeteilt habe.

Gehen

Laufen

0,0 – 0,2

 

 

0,2 – 1,5

1,5 – 1,7

 

 

1,7 – 2,8

2,8 – 3,0

 

 

3,0 – 4,0

4,0 – 4,2

 

 

4,2 – 5,2

5,2 – 5,4

 

 

5,4 – 6,2

6,2 – 6,4

 

 

6,4 – 6,7

1,2 km gesamt

5,5 km gesamt

Mit den oben bereits benannten Tempi für jeweils Gehen und Laufen kam ich rechnerisch auf eine Gesamtdauer von 51-52 min Laufzeit pro Runde. Dies schien mir auch am Anfang gut geeignet, da ich gerade in der Anfangszeit des Rennens körperlich wohl noch gut ausgeruht war und keiner längeren Pause bedürfen würde.

Bienwald 3

Eindruck von der Strecke. (Foto: Manuel Steiner)

Bereits mit Beginn der ersten Runde habe ich Wasser mit auf die Strecke genommen in einer Softflask, die mit jeweils 400-500ml Wasser gefüllt war. Tatsächlich hat sich das für mich als sinnvoll erwiesen, da hiermit eine konstante Flüssigkeitsaufnahme gewährleistet werden kann und nicht alles in den Pausen runtergeschüttet werden muss. Zwischen den Runden habe ich außerdem von Beginn an etwas gegessen und ab dem frühen Samstagmorgen, als ich müde zu werden drohte, auch zuckerhaltige Softdrinks zu mir genommen (vor allem Cola und Fanta).

An dieser Stelle möchte ich kurz auf Volker zu sprechen kommen, der mich an diesem Wochenende begleitet hat. Lieber Volker, ich bin dir sehr dankbar, dass du dich als Betreuer zur Verfügung gestellt und mich die gesamte Veranstaltung über hervorragend betreut, verpflegt und motiviert hast!

Jetzt könnte man sich vielleicht fragen, ob bei einem solchen Format eine Betreuung wirklich notwendig sei. Wäre zwischen den Runden nicht genug Zeit, zum Verpflegungsstand zu latschen und sich einzudecken?

Ich war persönlich nur ein einziges Mal am offiziellen Verpflegungsstand und das war direkt nach der ersten Runde. Dort habe ich ein paar Sachen auf mein Tellerchen gepackt, etwas Obst und ein paar gesalzene Erdnüsse. Danach habe ich diesen Gang nie wieder machen „müssen“, das hat Volker für mich übernommen. Klar hätte ich es am Anfang auch noch gekonnt. Aber wenn man immer nur mit ein paar Minuten Vorsprung zum Zeitlimit ins Ziel hüpft, ist es ein unvergleichlicher Luxus, sich den Weg zur Verpflegung sparen zu können. Im Ziel angekommen konnte ich mich sofort auf meinen Campingstuhl plumpsen lassen, das bereits kredenzte Essen in mich hineinstopfen und ansonsten die gesamten kostbaren Minuten bis zur Glocke mit Ausruhen verbringen. Je länger das Rennen dauerte, desto dankbarer war ich darüber, nicht noch Zeit und Energie für den Gang zur und die Auswahl der Verpflegung einkalkulieren zu müssen.

Ein weiterer psychologischer Vorteil ergibt sich noch aus der Betreuung: ich laufe nun nicht mehr nur für mich. Ich laufe vielmehr auch für den Menschen, der freiwillig sein ganzes Wochenende hergibt, um mich am Laufen zu halten. Wenn ich dann in einer schwierigen Phase bin und die Nase voll habe von dem ganzen Zirkus, lässt mich der Gedanke an den Betreuer, der extra wegen mir hier ist, die Runde vollenden. Und noch eine Runde dranhängen.

Bienwald 4

Jonathan und ich laufen die erste Runde gemeinsam. (Foto: Manuel Steiner)

Die 1. Runde ist mit 47:10 min dann doch etwas schneller als geplant, aber Jonathan ist nun mal deutlich schneller als ich und ich lasse mich gern mitreißen. Jonathan läuft fortan auch jede seiner darauffolgenden Runden deutlich schneller. Diese Taktik ermöglicht es ihm, eine weitaus längere Pause bis zur nächsten Runde zu machen.

In der nächsten Runde bin ich dann in der Spur und unterhalte mich längere Zeit mit Phillip, der genau wie Jonathan und ich schon bei der Erstausgabe 2019 dabei war. Phillip ist sogar bereit, sich an meine Intervalle anzupassen, denn hier bin ich kompromisslos. So manches nette Gespräch mit Läufern endet abrupt, weil ich an den immer gleichen Stellen meine Gehpausen beginne und danach wieder das Laufen aufnehme.

** 2. Runde: 51:15 min **

Laufen ist schön. Der Abend bricht jetzt an und es wird so allmählich kühler. Nicht, dass es heiß gewesen wäre, aber unter dem bedeckten Himmel war es doch etwas schwül im Wald. Die Schwüle löst sich jetzt so langsam auf.

Alle Läufer:innen sind noch gut drauf, die Stimmung ist ansteckend fröhlich. Vielen ist die Freude anzumerken, nach längerer Zeit mal wieder mit Gleichgesinnten bei einem Rennen unterwegs zu sein. In dieser Runde fällt mir ein Radfahrer auf, der uns begleitet. Ich spreche ihn an und erfahre, dass er durch Zufall von diesem Lauf mitbekommen hat, als er gerade an uns Läufer:innen vorbei geradelt ist. Er sei selbst auch Läufer, würde bald seinen ersten Marathon laufen. Von dem Backyard-Format ist er sofort begeistert und meint, dass er nächstes Jahr dabei sei.

** 3. Runde: 51:35 min **

Es ist jetzt 21:00 Uhr und wir sollen unsere Lampen mit auf die Strecke nehmen. Da es noch hell ist, halte ich sie zunächst in der Hand und brauche sie auch erst gegen Ende der Runde, als wir wieder in den trailigen Abschnitt ab etwa Km 6,2 eintauchen, der uns zurück zum Start-/Zielbereich bringt.

** 4. Runde: 51:48 min **

Meine Rundenzeiten sind genau in dem Bereich, den ich mir im Vorfeld überlegt habe. In den Pausen habe ich immer noch genügend Zeit, um in aller Ruhe zu essen und zu trinken und ansonsten nichts weiter zu tun, als mich auszuruhen. Ich merke zwar schon eine leichte Müdigkeit in mir aufsteigen, erkenne diese jedoch als allgemeine Zufriedenheit mit der Gesamtsituation.

Seit Beginn des Rennens hat sich das Feld mittlerweile sortiert. Es gibt jene, die immer zügig starten und auch als erste ihre Runden beenden. Ich gehöre nicht dazu. Mein Plan sieht ja vor, die ersten 200 Meter zu gehen und weil ich der einzige Läufer bin, der im Gehschritt in die Runde startet, bin ich ziemlich schnell der letzte Läufer im Feld. Weil mein Laufschritt wiederum etwas zügiger ist, hole ich dann bald wieder ein paar ein. Wenn ich meine Gehpausen mache (und Phillip meist mit mir), dann werden wir wieder überholt. So geht es ständig hin und her und mittlerweile sind „wir Läufer hinten im Feld“ uns bekannt. Ich finde es sehr angenehm, immer noch Personen in Sicht- bzw. Hörweite zu haben, so bleibt es gesellig und abwechslungsreich – wohl wissend, dass sich das Feld mit vorgerückter Stunde schon von allein lichten wird.

In dieser Runde benötigen wir die Stirnlampe schon den gesamten Zeitraum über, bis auf die etwa 400 Meter Feldweg, die den Blick auf den Nachthimmel freigeben. Hier zierpen die Zikaden, es duftet nach Gras und der Horziont über den Felder schimmert noch ein wenig rötlich. Wie schön kann Laufen bitte sein?!

** 5. Runde: 51:56 min **

Nun geht es in die 6. Runde und automatisch habe ich irgendein Vielfaches von 6 im Sinn. Die 24 zum Beispiel. Hm, warum um alles in der Welt drängt sich mir diese Zahl eigentlich so auf? Naja, ich bin ja wohl doch nicht so ganz frei davon, mir (Zwischen-)Ziele zu setzen. Vierundzwanzig Stunden zu laufen ist ja schon ein Stück weit ikonisch. Einen ganzen Tag lang laufen. Und im Fall dieses Formats würde ich genau 100 wunderbare Meilen in den 24 Stunden verpacken.

Aber erstmal den Tag beenden. Und um 00:00 Uhr beginnt einer neuer Tag bzw. geht auch erst die Nacht richtig los.

** 6. Runde: 52:08 min **

Also auf in die Nacht. Die Strecke ist übrigens hervorragend markiert. Vor und nach den Abzweigungen gibt es jeweils mindestens einen großen, roten Pfeil auf dem Boden, sowie ein auf ein Holzpflock getackertes Schild mit ebenfalls einen richtungsweisenden Pfeil. Passend dazu ist es einfach praktisch, dass wir ausschließlich auf dieser Runde laufen. Bei manchen Backyard Ultras gibt es unterschiedliche Tag- und Nachtstrecken. Beim BBU 2019 war dies beispielsweise deshalb so, weil die Tagstrecke sehr traillastig war und für die dunklen Stunden ein zu hohes Stolperrisiko bestanden hätte. In diesem Jahr ist ein Großteil der Strecke neu, da wir aufgrund forstamtlicher Auflagen einige – sicherlich sehenswerte – Passagen im Wald nicht ablaufen dürfen.

** 7. Runde: 51:30 min **

Mittlerweile haben wir einen kleinen Ultra absolviert. Volker sagt mir zu Beginn der Runde, dass wir nun die 50 km passieren werden. Auch, wenn wir schon seit sieben Stunden unterwegs sind, überrascht mich diese Info irgendwie. Das geht ja doch ganz schön fix mit dem Rundensammeln! Immer eine nach der nächsten. Müde bin ich zum Glück noch nicht, dafür grummelt mein Bauch etwas, der Darm meldet sich… Daher wird der letzte Gehabschnitt verkürzt und ich jogge ins Ziel, um genug Zeit für diese Angelegenheit zu haben.

** 8. Runde: 50:43 min **

Nach einigen hundert Metern frage ich laut in die Runde, ob dies die achte oder schon die neunte Runde sei. Ah, die neunte. Okay, danke! – Meine Forerunner habe ich in der letzten oder vorletzten Runde bei Volker abgegeben und gegen eine billige Casio-Stoppuhr eingetauscht. Ich brauche die Hightechuhr nicht mehr. Ich habe mir in den zurückgelegten Runden eingeprägt, wie viel Zeit seit Beginn der Stunde an markanten Punkten der Strecke schon vergangen. An der 180°-Kurve bei Km 1,5 der Strecke bin ich nach etwa 11:30 min angelangt. Meine Gehpause bei Km 2,8 beginne ich nach etwa 21:30 min, die nächste Gehpause bei Km 4,0 nach etwa 30:15 min. Und wenn nach Km 5,4, wo wir wieder auf den Abschnitt mit dem offenen Feld treffen, beginne ich nach etwa 41:30 min wieder zu joggen. Natürlich sind dies alles nur Näherungswerte. Die Hauptsache ist dabei, dass ich das Gefühl habe, mein Tempo zu jeder Zeit kontrolliert laufen bzw. gehen zu können.

** 9. Runde: 51:50 min **

Mittlerweile bekommen wir Läufer am Ende des Feldes „Verstärkung“ von Läufer:innen, die bisher schneller waren als wir. Nun sind sie etwas langsamer geworden. Das muss prinzipiell erstmal nichts heißen, weil nicht jede:r die Taktik verfolgt, möglichst gleichmäßige Runden zu drehen. Und wenn man für sich wahrnimmt, die Anfangsrunden zu schnell angegangen zu sein, ist es nur folgerichtig, nun etwas Tempo rauszunehmen.

Leider wird sich meine Befürchtung zwei Runden später jedoch bewahrheiten. Eine von nur zwei Frauen im Feld läuft erst langsam und steigt dann aus.

Überhaupt ist es mindestens ein paar Zeilen wert, darüber nachzudenken, warum nur 2 Frauen an den Start gegangen sind. Leider gibt es im Ultralauf immer noch einen deutlichen Testosteronüberschuss, doch die absolute Überrepräsentation des männlichen Geschlechts bei diesem Lauf ist bemerkenswert. Und schade. Phillip und ich rätseln darüber, aber wir kommen nicht weiter. Meine Selbstreflexion kommt diesbezüglich an eine Grenze und wilde Theorien helfen auch nicht weiter.

** 10. Runde: 51:11 min **

Zweistellige Rundenzahl! Und langsam, aber sicher wird es hart… wie lange müssen wir denn jetzt noch in dieser Dunkelheit laufen? Wird es nicht schon um 5 Uhr hell? Oder kriegen wir im Wald davon erst um 6 Uhr etwas mit? Vor zwei Jahren habe ich um 4:00 Uhr das Handtuch geworfen. Für mich auch eine absolut eklige Zeit, wenn die Dunkelheit sich noch beharrlich weigert, klein beizugeben und der Dämmerung zu weichen. Beinahe von einer Runde auf die andere befällt mich während der Gehpausen eine Gähnattacke nach der nächsten. Anstatt sie zu unterdrücken, gähne ich extra laut und trotzig vor mich hin: Sieh her, dunkelste Nacht, ich gähne zwar, aber ich latsche noch und werde mich dem Schlaf entziehen! … Es ist jetzt schon ein kleiner Kampf.

** 11. Runde: 51:27 min **

Es ist 5:00 Uhr und immer noch nicht hell. Aaaha, das ist also der feine Unterschied zwischen einem wolkenlosen und einem bedeckten Himmel, sowie zwischen einem Tagesanbruch zur Sonnenwendzeit und einem Mitte Juli. Vielleicht sehe ich aber auch nur deswegen noch kein Zeichen von Dämmerung, weil wir mitten im Wald sind.

Egal, gerade jetzt braucht es eine Neujustierung. Einen neuen Anreiz. Erstmal auf die Haben-Seite schauen: Wir laufen jetzt die zwölfte Runde. Und zwölf, das kann ich im Kopf noch sicher rechnen, ist genau die Hälfte von vierundzwanzig. Gewissermaßen ist nach dieser Runde wieder ein wichtiger Abschnitt vorbei. Nicht nur, dass die Nacht geschafft ist, sondern auch die ganze Hälfte eines Tages.

Bienwald 5Individuelle Pausengestaltung. (Foto: Volker Greis)

Seit elf Runden halte ich alle Gehpausen penibel ein. Doch nun fange ich zu Beginn der Runde nicht erst nach 200 Metern, sondern bereits nach 100 Metern an zu joggen. Überhaupt habe ich zum Gehen gerade ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits ist es ja ganz nett, andererseits sackt mir relativ schnell das Kinn auf die Brust und ich fange an zu torkeln vor lauter Müdigkeit. Ich suche also das Heil in der Flucht und entscheide mich aktiv dazu, weniger zu gehen und mehr zu laufen. Daher kürze ich nicht nur die Gehpause zu Beginn der Runde, sondern auch das Gehen nach Km 4,0 um etwa 100 Meter.

Als Ergebnis habe ich aber über zwei Minuten gewonnen und kann nun eine wohlverdiente (?) Schlafpause machen. Im Ziel angekommen esse und trinke ich nur das Nötigste. Dann wird der Campingstuhl so gut es eben geht in die Horizontale verstellt, ich ziehe mir eine Decke über den Kopf und versuche mich zu entspannen. Interessanterweise klappt es ziemlich gut. Ich schlafe zwar nicht ein, aber mein Puls fährt runter. Ich spüre ein wohliges Kribbeln und versuche nicht daran zu denken, dass ich ja nur wenige Augenblicke so liegen bleiben kann.

** 12. Runde: 48:59 min **

Mit dem Start in die neue Runde fühle ich mich gut, die bleierne Müdigkeit scheint zunächst einmal besiegt. Der Gedanke allerdings, nach dieser Runde schon wieder etwas pennen zu können, ist enorm verführerisch und ich beschließe daher, an der Tempogestaltung festzuhalten: Kürzere Gehpausen, dafür mehr Pause im Ziel. Und jetzt ist es ja auch wieder hell. Schon Wahnsinn, was Licht auslösen kann…!

Zurück im Ziel habe ich dieses Mal leider nicht so viel Zeit zum Ausruhen, denn die Fußpflege steht an. Ich wechsele die Socken, so ist es für alle 12 Stunden mit Volker vereinbart. Wer mir beim Laufen zugesehen hat, wird sich vermutlich fragen, wie um alles in der Welt ich es denn geschafft haben konnte, so viel Waldboden an meine Waden und Sprunggelenke zu kleben. Ich bin mir sicher, dass meine O-Beine einen guten Anteil daran haben. Tatsächlich befördere ich aber auch eine Menge Dreck in meinen Socken, sodass sich dort, als ich sie ausziehe, schon allerlei Teilchen angesammelt haben: Erdkrümel, Mini-Steinchen, Pollen von Gräsern, Laubpartikel. Das alles wische ich mit Feuchttüchern ab, bevor ich die Füße erneut mit Melkfett einschmiere und ein neues Paar Socken drüber ziehe. Herrlich, wie neu! Blasen oder Ähnliches sind bisher nicht aufgetreten, was mich allerdings auch überrascht hätte, da die Belastung ja doch eher moderat ist und der Fuß wenig gefordert.

** 13. Runde: 48:48 min **

Zwar habe ich nun wieder feine Füße, aber mir fehlt die Ruhe, die ich aufgrund der Fußpflege nicht bekommen konnte. Das merke ich sofort, als ich auf den entsprechenden Passagen wieder mit Gehen anfange. Zwar ist es hell, aber ich gähne lauthals und das Kinn sinkt auf meine Brust. Also hilft nichts – ich brauche mehr Zeit in meiner nächsten Pause, um mich zu erholen und die Müdigkeit zu überwinden. Daher werden noch mehrere Gehpassagen gekürzt. Das klingt vielleicht so, als würde ich meinen Plan aufgeben. Tatsächlich beginne ich alle vereinbarten Gehpausen immer noch an der vereinbarten Stelle. Doch nun kürze ich sie um einige Meter, was sich überhaupt nicht blöd anfühlt. Eher im Gegenteil – ich habe das Gefühl, dass die dadurch gewonnene Zeit in einer echten Ruhepause im Ziel besser angelegt ist als beim Stolpern auf der Strecke.

Ich beende meine bisher schnellste Runde und freue mich wie ein kleines Kind auf die Extra-Minuten Decke über‘m Kopf.

** 14. Runde: 47:01 min **

Phillip und ich sind seit einigen Runden nicht mehr zusammen gelaufen und erst jetzt stelle ich fest, dass er es leider vorhin nicht mehr ins Zeitlimit geschafft hat. Schade. Für ihn, aber auch ein bisschen für mich, weil damit der Läufer, mit dem ich mich am meisten unterhalten habe, ausgeschieden ist. Keine kurzweiligen Gespräche mehr.

In dieser neuen Runde geht es um die Dreistelligkeit, 100 km werden dann geschafft sein. Ob dann wohl einige Leute aufhören? Überhaupt ist es schwer, den Überblick zu behalten. Die Läufer:innen sehen sich zwar immer am Start. Weil ich aber immer bis 30 Sekunden vor dem Glockengeläut in meinem Campingstuhl hocke und den Start-/Zielbereich von dort aus nicht einsehen kann, kriege ich nicht so richtig mit, wenn jemand rausgeht. Aus der Ergebnisliste lässt sich entnehmen, dass 21 von 33 Läufer:innen auf die 15. Runde gehen und beenden werden. Drei von ihnen steigen anschließend aus.

Ich werde von nun an erstmal an meiner Taktik festhalten: weniger Gehen, dafür mehr echte Pause im Ziel.

** 15. Runde: 47:19 min **

Die 100km sind geschafft, was kommt als Nächstes?

Bei meinem ersten und bisher einzigen Backyard Ultra vor zwei Jahren kam ich mit 19 absolvierten Runden in die Wertung. Ich hatte das Zeitlimit überschritten und konnte die 20. Runde nicht mehr in einer vollen Stunde ins Ziel bringen. Es fehlten nur wenige Meter und natürlich hätte ich es schaffen können, aber ich wollte es gar nicht. Ich wollte, dass es aufhört. Dass diese Perspektivlosigkeit aufhört. Dass es ein Ziel gibt und dass ich dieses Ziel einfach erlaufen kann. In einer persönlichen Schwächephase (dunkel, müde, achherjee) wirkten die damals verbliebenden Läufer auf mich unbesiegbar, eisern, stoisch. Wie sollte ich gegen sie bestehen? Wie lange würden sie noch laufen? 2 Runden, 10 oder 20 Runden? (Der Sieger Andreas lief dann damals tatsächlich bärenstarke 46, der „Assist“ Harald, der 2021 auch am Start ist, demnach 45 Runden.) Ich wollte jedenfalls, dass es aufhört.

Woran ich mich noch gut erinnere, ist die Erleichterung, die mich nach meiner Aufgabe durchströmte. Endlich muss ich nicht mehr laufen. Diese Erleichterung hielt allerdings nicht lange an. Bereits nach einigen geschlafenen Stunden war mir klar, dass ich zu früh das Handtuch geworfen hatte. Ein befreundeter Läufer aus Aachen sagte angesichts eines anderen Ultralaufs über das Aufgeben: „Erste Regel: Nachts gibt man nicht auf. Man verschiebt diesen Gedanken mindestens wieder bis zum Tagesanbruch. Und wenn es erstmal wieder hell ist, kann man auch einfach direkt weiterlaufen.“ Ich hatte um 04:00 Uhr morgens aufgegeben. Bereits eine Stunde später wäre es wieder hell gewesen.

Seit dieser Aufgabe nagt es an mir. Nicht jeden Tag, aber beständig mehrmals die Woche. Wie weit hätte ich noch gehen/laufen können? Wie lange hätte ich noch durchgehalten?

Hatte ich direkt nach dem Wettkampf gesagt, dass ich nie wieder einen Backyard laufen würde, überwog nur wenige Tage später wieder der Ehrgeiz, es noch einmal wieder versuchen zu wollen. Nicht mal 100 Meilen hatte ich geschafft! Das wäre doch gelacht, wenn …

** 16. Runde: 47:11 min **

Bienwald 6

Samstagmittag – neues Shirt. (Foto: Manuel Steiner)

Also jetzt sind es ja nur noch drei kleine Ründchen, dann habe ich immerhin meine bisherige Bestleistung eingestellt. Vielleicht aber nicht so viel daran denken, sondern einfach weiterlaufen.

Das Ausrechnen der Uhrzeit fällt mir mittlerweile schon wieder ein bisschen schwerer. Hell ist es jetzt ja schon seit einiger Zeit, aber wie spät noch gleich? 10:00 Uhr war gerade durch, okay.

Beim Blick auf den Wetterbericht hatte ich damit gerechnet, dass es am Samstag doch deutlich sonniger sein sollte. Aber an diesem Wochenende ist das Wetter fast ideal: Der Himmel ist beinahe den ganzen Tag über bedeckt, die Sonne kommt kaum durch. Zwar gibt es gerade im Wald tagsüber eine deutliche erhöhte Luftfeuchtigkeit, aber jetzt will ich mich mal nicht beschweren, dass ich bei einem Lauf ins Schwitzen komme. Wer sich über so etwas echauffieren kann, der hat anscheinend keine anderen Probleme. Hab ich bis zu diesem Moment aber auch nicht. Alles gut.

** 17. Runde: 47:46 min **

Die Gleichförmigkeit der Runden nimmt zu. In den Pausen das übliche Spiel aus kurzer Verpflegung und möglichst entspannter Körperhaltung. Dass irgendwann die Pfeife ertönt, empfinde ich nicht als unangenehm. Das wiederum werte ich als gutes Zeichen dafür, dass ich noch nicht so erschöpft bin und mein Körper sich nach jeder Runde wieder gut erholen kann.

Ein Mitläufer, mit dem ich mich kurz unterhalte, spricht mich auf mein Shirt an. Das trüge ich ja schon seit Beginn des Laufs, damit käme ich wohl ganz gut zurecht. Ich stimme ihm zu und berichte ihm gleichzeitig, dass ich es nach der 20. Runde wechseln würde. „Alle 20 Runden mache ich das“, füge ich – halb im Scherz, halb großkotzig – hinzu. Haha, wie lustig.

Mit dieser Runde ist wieder ein kleiner Zyklus vollendet. Ein dreiviertel Tag auf der Strecke. Es ist 12 Uhr Mittag und der Samstag macht sich auf in seine zweite Hälfte.

** 18. Runde: 47:26 min **

Nun also wird die persönliche Bestleistung eingestellt. Volker weist mich zu Beginn daraufhin. An mehr kann ich mich nicht daran erinnern.

** 19. Runde: 47:41 min **

Die zwanzigste Runde beginnt. Zwanzig ist doch eine wunderbare Zahl. So schön rund. So eine schöne „2“ vorn. Natürlich werde ich diese Runden beenden können und dann auch einen neuen persönlichen Rekord aufstellen. Nach zwei Backyard-Läufen, wow, Glückwunsch. Vielleicht mag dieses Geschreibe über persönliche Bestleistungen für die Leser:innen ein bisschen zu viel Raum im Text einnehmen. Aber es hat mich beim Laufen tatsächlich beschäftigt. Ich glaube, das liegt daran, dass die involvierten Zahlen (also die absolvierten Runden) jeweils gut zu merken sind und keine höhere Mathematik erfordern. Zählen kann ich, bewiesenermaßen bisher bis 20! Und schon bald kommt die Königsfrage: Wie weit will ich denn noch zählen?

Naja, just one more loop. Eine Aufgabe wie eine Meditation. Vielleicht kommen Anhänger:innen des Buddhismus bei diesem Wettkampfformat besonders auf ihre Kosten? Einfach im Moment leben und so. Für mich als gläubigen Christen irgendwie eine Herausforderung, der Gedanke an das Leben nach dem Tod – also das DNF in diesem Fall – nimmt in meinem Kopf sehr viel Raum ein.

Aber ich bemühe mich und mit jeder Runde reift das Mantra: Schau, dass du diese Runde in der gebotenen Ruhe und Gründlichkeit ins Ziel bekommst. Nicht überpacen, aber auch nicht zögern. Und nach der Pause stellst du dich wieder an den Start und läufst in die nächste Runde. Aber erstmal diese Runde finishen… undsoweiter.

** 20. Runde: 47:17 min **

Ich habe gerade tatsächlich mein T-Shirt gewechselt. Als ich es ausgezogen habe, ist mir mein Waschlappen eingefallen, den ich mitgenommen habe. Also direkt mal die Gelegenheit genutzt und die Mischung aus Staub, Salz und getrocknetem Schweiß vom Oberkörper gewaschen. Vom feinsten! Alle bedeutsamen Stellen noch fix mit Melkfett eingeschmiert und jetzt bin ich obenrum komplett renoviert. Allerliebst!

Als ich in der 20. Runde ins Ziel gekommen bin, sitzt dort eine junge Frau, mit der Volker sich angeregt unterhält. Er erzählt sowohl vom Backyard-Format und dessen Regeln, als auch private Dinge. Einerseits habe ich das Gefühl, die Frau schon einmal gesehen zu haben, andererseits …sei’s drum, ich komme nicht drauf. Sie sagt „Hallo“ zu mir und ich sage nix. Bin ich Gedanken völlig dabei, dass ich ja mein Shirt wechseln will und was ich alles dafür brauche. Als ich damit fertig bin, überlege ich dann aber doch, wo Volker jetzt auf einmal diese Frau aufgegabelt hat und in welcher Beziehung die beiden zueinander stehen. Ich komme nicht drauf. Decke übern Kopf und dann geht’s bald wieder los.

…Erst irgendwann nach dem Lauf sagt Volker zu mir, ob ich denn nicht gewusst hätte, dass es sich um Susanne handelte, eine Vereinskollegin aus der LG Ultralauf und eine besonders erfolgreiche und schnelle noch dazu. Oh man, hab ich nicht erkannt. Unangenehm. Ich war sehr mit meinem T-Shirtwechel beschäftigt.

** 21. Runde: 47:04 min **

Bienwald 7

Der Start in Runde 22. (Foto: Manuel Steiner)

Das Tempo passt nach wie vor, aber es macht jetzt nicht mehr durchgehend Spaß, um es mal vorsichtig zu formulieren. Ich sehne mir – das ist auch vor Volker und Jonathan in unseren Gesprächsfetzen in den Pausen kein Geheimnis mehr – endlich diese 24 Stunden herbei. Wieso, ist für mich schwer zu sagen. 24 Stunden sind halt ikonisch. Das sind 100 Meilen. Ich will es nicht zugeben, aber bei dem Gedanken daran, 24 Stunden gelaufen sein zu werden, macht sich eine große Zufriedenheit breit. Mist, eine sehr große sogar.

Aber überhaupt erstmal jetzt nicht so viel an die Zukunft denken. Das sind ja noch DREI Stunden. Ganz schön lange. Zunächst mal diese 22. Runde schaffen. Wie war das noch gleich? Just one more loop. Und danach sehen wir weiter.

** 22. Runde: 46:39 min **

An die 23. Runde kann ich mich noch sehr gut erinnern, weil sie für mich so schön ist. Vermutlich kennt ihr dieses Gefühl bei einem langen Lauf, wenn euch klar wird, dass ihr das Ziel erreichen werdet. Es kommt ja oft nicht erst wenige Meter vor dem Ziel, sondern bei jedem Lauf ist es meistens einige Kilometer vorher. So ging es mir mit dieser Runde, als ich die etwa 150 km überschreite und mir auf einmal sehr warm ums Herz wird. Ich balle sogar die Faust und Tränen schießen mir in die Augen. Ja, ich werde 100 Meilen schaffen. Endlich mal wieder 100 Meilen! Meine längste gelaufene Distanz in diesem Jahr waren schlanke 51 km. Und das war Anfang März. Seitdem nichts Längeres als Marathons. Und jetzt 100 Meilen! Yes! Ich muss sogar ein bisschen schlucken.

So schön dieses Gefühl auch insgesamt ist, versuche ich es auch zu unterdrücken. Ich will mich gar nicht zu sehr freuen, nicht zu sehr ausruhen auf den 24 Stunden. Ist ja kein 24 Stunden-Lauf. Liebes Gehirn, bitte gib doch an alle Synapsen weiter, dass man sich zwar … vielleicht… naja, ein bisschen schon… über das Erreichen dieser Marke freuen darf, aber das ist doch bitte nur ein ZWISCHENziel. Nichts weiter. Soll jedenfalls so sein.

Diese Runde wird die schnellste meines ganzen Laufs sein und bleiben.

Ein Highlight gibt es noch ganz zum Schluss, als die Trillerpfeife schon das letzte Mal ertönt und alle noch Verbliebenden für die 100 Meilen wieder am Start stehen. Alle? Nein, leider nicht. Einer fehlt noch. Es ist Roldano oder wie er liebevoll von den meisten Anwesenden – reduziert auf sein Herkunftsland – genannt wird: „Der Italiener“. Noch 40 Sekunden, noch 30 … DA! Er biegt um die Ecke, läuft noch und lächelt sogar. Applaus brandet auf, Anfeuerungsrufe von allen Seiten. Dramatik pur, es ist so knapp. Aber er schafft es, kommt nach 59:45 min ins Ziel. Und was macht er, der wackere, unzerstörbare Mann? Geht gemütlich zum VP, schnappt sich eine Flasche Wasser und als die Glocke ertönt, schlüpft er wieder über die Startlinie. Boah, was ein Kerl. Allein diese halbe Minute verursacht eine Gänsehaut, für die sich das ganze Wochenende jetzt schon gelohnt hat.

** 23. Runde: 46:02 min **

Da ist sie also, die 100Meilen-Runde. Doch alle triumphalen Gedanken sind verschwunden. Sind bereits in der vorherigen Runde gedacht worden und nun hält Tristesse wieder Einzug. Der öde Backyard-Alltag, just one more loop. Natürlich werde ich diese Runde schaffen, das habe ich ja schon in der letzten Runde gemerkt. Und ich werde auch die nächste Runde schaffen, denn dass ich innerhalb dieser Stunde körperlich so sehr abbaue, das steht nicht zu befürchten. Aber dann? Wo soll das denn enden? Ich traue mich gar nicht an die zweite Nacht zu denken. Und vielleicht sollte ich das auch noch gar nicht tun. Allerdings ist es ja schon auch weise, etwas vorausschauend zu denken. Sich Pläne für das zu machen, was ohnehin kommen wird. Und dann doch besser vorbereitet sein…denke ich und komme damit aber nicht weit, denn der Gedanke ist nicht so schön. Ich muss an die erste Nacht ohne Schlaf denken und daran, dass ich am frühen Morgen vor der Dämmerung doch schon einigermaßen angezählt war. Wie soll das denn jetzt werden?

Egal.

Jetzt ist es noch nicht dunkel. Und ich kümmere mich um die Sachen, wenn sie anstehen. Jetzt stehen sie noch nicht an, jetzt ist die 100Meilen-Runde dran. Der Italiener schafft sie übrigens souverän und deutlich vor dem Limit.

** 24. Runde: 47:59 min **

Das wäre geschafft. 9 Läufer starten in die 25. Runde. Es gibt Personen, die sagen, dass der Backyard erst nach 24 Stunden so richtig beginnt. Erst hier könne man merken, wer es ernst meint und wer sich mit bereits Erreichtem zufrieden gibt. Ab dieser Runde beginnen die Mühen der Ebene. Die nächste Marke könnten die 30 Stunden sein, aber die sind noch ewig weit weg. In den nun folgenden Runden kann man wenig Ruhm ernten. Wer interessiert sich schon dafür, ob du 24 oder 26 oder 28 Stunden gelaufen bist? Ich interessiere mich selbst kaum dafür.

Bäh, weg mit diesen negativen Gedanken. Wozu sie denken, lauf lieber diese Runde ordentlich zu Ende.

Es fällt mir nun alles ein bisschen schwerer. Die Glücksgefühle sind ausgefühlt, die Beine werden an die vielen Kilometer und Stunden erinnert, die sie jetzt schon den Körper und den sturen Kopf durch den Bienwald schleppen müssen.

Ich laufe und gehe und laufe und komme dann irgendwann an.

** 25. Runde: 48:24 min **

Bienwald 8Roldano (Mitte, weißes Shirt) kommt in der 25. Runde nach 59:55 min ins Ziel und hört auf. Während die einen schon wieder loslaufen, wird er von anderen noch beglückwünscht. (Foto: Manuel Steiner)

Vor dem Start fehlt schon wieder der Italiener. Oha, dieses Mal wird es knapp. Noch 30 Sekunden, noch 20 Sekunden, noch 15…dann trabt er seelenruhig und mit sich im Reinen um die Ecke und erreicht nach 59:55 min das Ziel. Natürlich wieder Applaus, Anfeuerungsrufe und doch ahnen wir – er wird nicht noch einmal mit uns in den Wald laufen. Und so setzt sich das erbarmungslose Rennen fort. Keine Rücksicht auf niemanden. Die Uhr tickt, die Pfeife trällert, die Glocke läutet, die Läufer laufen.

Ich habe 25 Runden ziemlich diszipliniert an meiner Taktik mit den geplanten Gehpausen festgehalten. Bis jetzt. Ich habe keinen Bock mehr, mich an meine eigene Taktik zu halten. Die Distanz, bis ich nach 1,5 km das erste Mal seit dem Start wieder gehen darf, ist sooo lang. Zu lang für mich. Ich möchte mir – Entschuldigung, das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen! – die Freiheit rausnehmen, SELBST zu bestimmen, wann ich gehen darf und wann nicht. Das lasse ich mir doch nicht von irgendeinem Plan vorschreiben!!!1!!!!

Gesagt, getan. Nach kurzer Anhörung meines inneren Teams beschließt das selbige mit einfacher Mehrheit, dass ich nun instinktiver laufen darf. Soll heißen, ich mache meine Gehpausen dort, wo ich sie brauche. Heißt aber auch, dass die ursprünglich eingeplanten Gehpausen kürzer oder ganz ausfallen können.

Was für ein revolutionärer, fast grundstürzender Wechsel der Lauftaktik! Ist es total schlau oder doch der Anfang vom Ende? Wir werden es sehen.

Erstaunt stelle ich fest, dass ich zwar langsamer, aber gar nicht mal so langsam bin. Ich werde immer noch mit reichlich Zeit vor dem Limit ins Ziel kommen.

Auf der Strecke gibt es aber mittlerweile so einige Geraden, die mir den Zahn ziehen. Ich mag sie nicht mehr am Stück laufen, so ätzend finde ich sie. Aus lauter Trotz mache ich Gehpausen, wenn ich wütend bin. Ha, du 800 Meter langer, schnurgeradeaus führender Forstweg, nimm das! Mit meinen Gehpausen hast du nicht gerechnet, damit bezwinge ich dich!! (Die Gedanken werden langsam etwas schrullig.)

** 26. Runde: 49:43 min **

In den Pausen hänge ich jetzt mürrischen Gedanken nach und bin sehr wortkarg. Was soll man auch berichten? Der Wald hat sich in den letzten 26 Stunden nicht geändert. Bald werde ich wieder weniger davon sehen, denn dann ist es wieder dunkel.

Jonathan fragt mich, ob wir nicht mal wieder eine Runde zusammenlaufen wollen. Och ja, warum eigentlich nicht. Ich weise ihn mehrfach darauf hin, dass ich erstens eine ganz schöne Schnecke bin und zweitens zwischendurch gehen muss, aber das hält ihn nicht davon ab, mit mir zu starten.

Es ist schön, mal wieder in Begleitung zu laufen. Wir reden kaum, es gibt auch nichts Spannendes zu sagen. Vor allem vermeiden wir es aber, über das zu sprechen, was noch kommen wird (jedenfalls in meiner Erinnerung): die zweite Nacht. Wir reden darüber, dass Ivo, „der Belgier“ (noch so eine Reduktion), noch so frisch aussieht und haben damit in codierter Form kommuniziert, was wir beide denken: Wenn man gewinnen möchte, muss man Ivo schlagen. Der hat allerdings schon bereits sehr früh im Rennen Jonathan gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass er sehr lange laufen kann und auch sehr gern das goldene Ticket nach Tennessee aus dem Bienwald mitnehmen möchte. Ach herrje.

Lieber laufen. Jonathan löst sich irgendwann von mir und läuft dann doch in seinem Tempo, was nur allzu verständlich ist. Denn ein Tempo, an das der Körper sich jetzt seit über einen Tag angepasst hat, kann man nicht mehr so einfach wechseln.

Im Ziel passiert es dann. (Ich glaube, es war in dieser Runde…) Jonathan hat wohl schon länger darüber nachgedacht. Er offenbart Volker und mir, dass er nur noch bis zur 30. Runde laufen wird. Und wir könnten noch so sehr auf ihn einreden, er hätte dies mit sich ausgemacht und lange darüber nachgedacht und würde es so machen.

Das sitzt. Ich denke sofort: Ich will auch! Volker sagt sofort: „Matze, komm du bloß nicht auf die Idee, dann auch aufzuhören.“ Ich schweige. Und versuche, nur an die nächste Runde zu denken.

Wir müssen wieder die Stirnlampen mit auf die Strecke nehmen.

** 27. Runde: 50:01 min **

Dass Jonathan aufhören wird – und ich glaube es ihm auf’s Wort -, wirft sofort Fragen in mir auf. Will ich noch weiterlaufen? Nein. Sollte ich es trotzdem tun? Wahrscheinlich. Kann ich es? Just one more loop.

Meine nun individuell vereinbarten Gehpausen werden länger. Ich nehme bewusst Tempo raus, um mal zu erspüren, wie viel Zeit ich auf der Strecke lassen kann.

Aber es fühlt sich nicht richtig an, hier nur noch zu schlurfen. Es ist auch noch einigermaßen hell und ich will diese Runde noch gut zu Ende bringen. Und dann sehen wir weiter.

Diese ewige, vermaledeite Gerade im Wald, sie geht mir auf den Keks. Aber auch sie habe ich bald überwunden und dann ist das Ziel schon wieder in der Nähe.

** 28. Runde: 50:30 min **

28 Runden gelaufen zu haben, ist doch soweit ganz in Ordnung, denke ich. Es ist jetzt 22 Uhr und die erste Runde der zweiten Nacht in völliger Dunkelheit steht an. Wenn ich daran zurückdenke, dass ich bisher den ganzen Tag gelaufen bin und gestern um diese Uhrzeit auch schon unterwegs war … das ist schon eine unfassbar lange Zeit. Doch jetzt in der Dunkelheit, da engt sich alles ein. Das Sichtfeld ist nur auf den etwa zwei Meter breiten Lichtkegel gerichtet, den meine Stirnlampe auf die paar Meter Weg vor meine Füße wirft. Anstelle von sattem Grün in allen Farbnuancen und vielfältigen Formen von Bäumen, Sträuchern und Gehölzen kann ich nun wieder kaum Farben und Formen voneinander unterscheiden. Es wirkt alles grau in grau … und diese Kieselsteine auf dem Weg, sind die eigentlich schon die ganze Zeit da? Die nerven irgendwie, warum gibt es denn keinen vernünftigen Waldweg hier?! Dazu diese ewigen Geradeauspassagen…

Ich bin stark angezählt und weiß es.

Seit letzter Runde sind wir nur noch zu sechst. Es wird übersichtlicher. Aber was heißt das schon?

Ich trödele vor mich hin. Laufe zwar, aber gehe mittlerweile fast genauso viel. Was, wenn ich in dieser Runde das Zeitlimit nicht schaffe? 28 Runden sind doch auch gut, 28 ist doch überhaupt eine gute Zahl. Wenn ich allerdings diese 29. Runde schaffe, dann muss ich auch die 30. Runde laufen, das ist klar. Mit 29 Runden kann ich beim besten Willen nicht aufhören. 29 ist eine Unzahl.

Ich fange jetzt an zu pokern. Gehe mal an dieser Stelle außer der Reihe 50 Meter, mal an jener. In wohl keiner Runde habe ich so oft auf die Uhr geschaut wie in dieser. Wie viel Zeit bleibt mir theoretisch noch? Nach etwa der Hälfte der Strecke wird mir klar, dass ich es schaffen muss. Ich bin leider noch zu fix unterwegs. Und jetzt ausschließlich nur noch gehen kommt auch nicht infrage. Doch obwohl ich es so gemütlich angehen lasse, bin ich noch nicht Letzter. Man ey, wie langsam muss ich denn noch laufen, um hier im Wald in Ruhe in Selbstmitleid baden zu können?

Die Runde kommt mir ewig vor, aber dann ist sie geschafft. Sogar noch vor der Trillerpfeife. Volker reagiert klasse, er ist ganz ruhig, spricht mir wohldosierte, aufmunternde Worte zu. Nun denn, dann muss ich wohl noch in die 30. Runde gehen. Hilft ja alles nichts und „dafür habe ich mich ja auch angemeldet.

** 29. Runde: 55:34 min **

Also dann, auf geht’s. 30 ist ja auch eine schöne Zahl. Vielleicht nicht ganz so schön wie die 24, dafür schmeckt die 30 süßer, denn sie zu erlangen kostet noch viel mehr Schweiß, erworben durch den Kampf mit dem inneren Schweinehund.

Die Runde läuft im Prinzip ähnlich ab wie die vorherige. Ich bin nun doch recht bald an letzter Stelle, dort wo ich mich wohlfühle. Endlich. Nun kann ich in Ruhe traben und trödeln und nachdenken. Klar ist, dass ich die zweite Nacht wohl nicht noch mal packen werde. Woher ich das weiß? Gute Frage, zumindest habe ich es mir mittlerweile so oft selbst eingeredet, dass ich davon überzeugt bin. Just one more loop funktioniert auch nicht mehr. Klar bin ich gerade in Gedanken bei dieser Runde, aber mein Kopf führt ein Eigenleben, zieht – ohne mich vorher zu fragen – eine innere Bilanz dieses Rennens. Unterm Strich ist mein Kopf ganz zufrieden. Oh oh, das ist der erste große Fehler beim Backyard und das vorprogrammierte Aus.

Kilometer 4 ist erreicht. Etwas lustlos schlurfe ich um die Ecke. Jetzt müsste ich eigentlich links abbiegen auf die lange Gerade. Ja genau, eben jene Gerade, die mir schon zum Hals raushängt. Das habe ich schon 29mal vorher geschafft. Aber jetzt setze ich mich auf eine Bank an der Kreuzung und denke nach. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Körper wirklich eine Pause braucht. Vermutlich ist es eher der Kopf, der vorschlägt, dass eine Pause doch nicht schaden kann. Also setze ich mich auf die Bank und denke ans Aufhören.

Ich bleibe etwa eine Minute sitzen und als ich wieder aufstehe, ist meine Entscheidung gefallen. Ich werde nach dieser Runde aufhören. Wie soll ich das nur Volker erklären? Nur eine Runde vorher habe ich ihm gesagt, dass ich – insofern ich rechtzeitig ins Ziel komme – auch immer wieder an den Start gehen werde. Aber ich möchte nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Ich bin des Rennens überdrüssig. Ich weiß, dass es in den nächsten Stunden schlimmer wird. Ich weiß, dass meine Laune weiter in den Keller gehen würde. Dass ich vielleicht unfreundlich zu Leuten sein werde. Vor allem weiß ich, dass ich für eine Rennfortsetzung meine meuternden Gedanken in den Griff kriegen müsste. Aber ich weiß nicht, ob ich das kann und ehrlich gesagt möchte ich es noch nicht mal ausprobieren.

Jetzt werde ich noch langsamer und laufe absolut taktisch. Ich möchte dermaßen spät ins Ziel kommen, dass für eine große Diskussion mit Volker keine Zeit mehr bleibt. Aber wiederum auch nicht zu spät, dass ich es am Ende vielleicht doch gar nicht mehr schaffen sollte. Das wäre bitter.

Auf den letzten Metern denke ich noch, wie ich wohl reagieren würde, wenn Jonathan doch weiterlaufen sollte? Und dann stehe ich bedröppelt da, nur noch wenige Sekunden Pause und muss dann natürlich auch wieder los. Keine Frage. Aber nein, er wird nicht weiterlaufen.

Ich beende meine 30. Runde in 58:08 min und vorsichtshalber schaue ich bei meinem Trott ins Ziel sehr erschöpft. Klar, ich bin auch erschöpft, aber nun gebe ich mir Mühe, auch wie jemand auszusehen, der nicht mehr kann. Im Ziel mache ich mit den Händen die Geste eines „X“, gehe zuerst zu Volker. Ich sage ihm leise, dass ich aufhören werde, nehme in die Arme und bedanke mich bei ihm für alles, was er in den letzten 1,5 Tagen geleistet und für mich getan hat. Dann gehe ich zu Michael, dem Rennleiter, und informiere ihn darüber, „dass ich absolut keinen Bock mehr habe, weiter im Wald rumzulatschen“. Ich bin selbst überrascht, wie unhöflich das klingt. Daher gebe ich mir Mühe, mich sofort noch einmal etwas ausführlicher für die Veranstaltung zu bedanken und hoffe, dass es genauso aufrichtig ankommt, wie ich es in meinem Herzen meine.

Ich setze mich in meinen Stuhl. Jonathan und ich hören zu, wie die Glocke ein weiteres Mal ertönt. Drei Läufer haben nach der 30. Runde aufgehört, drei laufen noch weiter.

Das Rennen ist für uns vorbei. DNF.

Epilog

Für ein DNF fühlt es sich nicht so schlecht an. 30 Runden machen 201,18 km. Damit ist dies mein dritter Lauf über 200 km, für Jonathan sogar der erste.

Nachdem wir die nun nur noch zwei verbliebenden Läufer, Ivo und Harald, zum Start in die 32. Runde applaudiert haben, gehen wir duschen und dann fährt Jonathan doch tatsächlich noch die kurze Strecke mit dem Auto nach Hause. Volker und ich hingegen bleiben an Ort und Stelle. Ich schlafe in der Nacht hinten im Auto auf der Matratze wie erwartet nicht so gut. Das liegt allerdings nicht an der mangelnden Bequemlichkeit, sondern an meinen schmerzenden Beinen. Dadurch, dass ich nur sehr seicht schlafe, höre ich jede Runde aufs Neue die Glocke. Irgendwann am Sonntagmittag entscheiden Volker und ich uns dann für die Heimfahrt, denn es ist ja unklar, wie lange das hier noch weitergeht. Hätten wir eine Stunde länger gewartet, hätten wir allerdings noch die Aufgabe von Harald miterlebt, wie wir im Auto feststellen. Er kommt auf fantastische 43 Runden und Ivo, der Belgier, der einfach ohne Fehl und Tadel und vor allem ohne ein Anzeichen von Schwäche gelaufen ist, gewinnt den 2. Bienwald Backyard Ultra mit 44 Runden. Harald und Ivo sind insgesamt 12 Runden zu zweit gelaufen. Bärenstark.

Und jetzt?

Es nagt an mir. Zum einen spüre ich noch eine Zufriedenheit mit dem erzielten Ergebnis. Zum anderen weiß ich genau: 30 Runden bzw. 200 km sind ausreichend große Zahlen, um Anerkennung zu ernten, das ist mir klar. Aber sie sind einfach nicht das Limit dessen, was ich laufen konnte. Ich hätte noch mindestens eine Runde mehr laufen können, ohne größere Anstrengung. Und dann? Vielleicht noch eine weitere. Just one more loop. Es nicht versucht zu haben, grämt mich schon am nächsten Tag. Wer weiß, vielleicht wäre ich auch viel besser durch die zweite Nacht gekommen, als ich mir selbst einreden wollte. Ich habe es nicht auf einen Versuch ankommen lassen.

Beim nächsten Mal. Beim nächsten Mal? Ich bin angemeldet für den NRW-Backyard Anfang Oktober. Dann läuft Volker auch mit. Und ich bis an mein Limit. Vielleicht. Mal sehen.

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