Text: Michael Irrgang, Bild: Buchcover: Uli Schiffgen , 16.11.2020

Als passionierter 24h-Läufer war ich schon mächtig neugierig auf einen Thriller, dessen Handlung sich überwiegend während eines 24h-Laufes abspielt. Klar gibt es bei so einem Lauf Dramen und nach durchschrittenen Tiefs fabelhafte Wiedergeburten, aber eignet sich der Rahmen auch für Mord, Totschlag, Intrigen und Beziehungsstress? Alleine der Buchtitel „London Ultramarathon“ verpflichtet ja schon fast zum Lesen und so passierte es, dass ich einen wunderschönen Herbsttag auf dem Sofa verbrachte, unterbrochen durch kurze Essenspausen.

london ultramarathonHinter dem Autor Finn Crawley verbirgt sich der Läufer Uli Schiffgen, dessen Frau Steffi nicht nur an unserer 24h-Meisterschaft 2018 in Bottrop sehr erfolgreich teilnahm, sondern auch im Jahre 2016 bei dem vom Sri Chinmoy-Verein organisierten 24h-Bahnlauf im Londoner Stadtteil Tooting, der Uli zu diesem Thriller inspirierte.

Auf den ersten Seiten werden einige der Hauptpersonen kurz vorgestellt. Steward, der unter falschem Namen lebt und Personenschutz genießt, die sich liebenden Fiona und Kim, beide Polizistinnen, die eine auf dem Wege zu ihrem ersten 24er, die andere als ihre Betreuerin sowie die Ärztin Elena, die nach einer unfreiwilligen Nachtschicht müde und unzufrieden anreist.

Der Thriller beginnt morgens mit der Anreise der Protagonisten und schnell erscheinen einem die Personen sympathisch oder nicht. Die Anspannung vor dem Rennen und das Kennenlernen der Läufer und Betreuer übertragen sich rasch auf den Leser und recht zügig ist das Rennen gestartet und der Spannungsbogen hoch.

Es werden immer mal wieder Bausteine aus der Vergangenheit erzählt und so erfährt man nach und nach, was Steward in der Vergangenheit angestellt hat und dass es sein sehnlichster Wunsch ist, hier und heute wieder sein altes Leben zurückzubekommen. Ein kauziger Läufer äußert eine Prophezeiung, dass hier heute ein großes Unglück passieren würde und man ahnt schon, dass bei diesem Rennen und am Rande der Veranstaltung nicht jeder Plan gelingt. Kims Vater, ein etwas in die Jahre gekommener Polizist, erscheint und interessiert sich aufmerksam für alles, außer für den Wettkampf.

Beim Wettkampf ist natürlich nur das Frauenrennen wichtig. Weil die herzensgute Elena sich so viel vorgenommen hat, dann allerdings recht früh auf die Bahnmarkierung tritt und umknickt und außerdem ihre große Rivalin Sue ihr zunächst demütigend davonrennt. Und dann ist da noch die unsympathische Ex-Olympionikin Ann, deren Betreuer sie gerne scheitern sehen würden. Natürlich kann man auch das Rennen von Fiona aufmerksam verfolgen und ab und zu taucht die wirkliche Steffi auf, die in bester Alfred Hitchcock-Tradition unauffällig mehrmals genannt wird. Wer schon einmal bei einem Sri Chinmoy-Rennen teilgenommen hat, kennt die Rundenzähler, die Anzeigetafel, die engagierten Helfer an der Verpflegung und im medizinischen Dienst sowie die Atmosphäre in der Nacht, am Morgen und der letzten Stunden. Das ist alles schon sehr aufmerksam beobachtet und gut beschreiben. Und bevor die Handlung abflacht, lässt der Autor den eifersüchtigen und gewaltbereiten Ex-Mann von Fiona auftauchen und für Randale sorgen.

London Ultra

Doch den vorläufigen Höhepunkt erfährt das Buch, bzw. das Rennen in den letzten Stunden, in denen die böse Sue auf einmal in einem anderen Licht erscheint, Elena einen befreienden Wandel durchmacht und der Plan von Steward angedeutet wird, von dem er zwar sehr viel hält, der aber gründlich schiefgeht. In dieser Phase gibt es einige Überraschungen und ein paar Mordversuche, die überwiegend misslingen. Das trifft die Guten wie die Bösen und ist wirklich sehr spannend. Dann könnte das Buch eigentlich mit einem Happy-End enden – tut es aber nicht, denn es folgen noch ein paar heiße und eisige Gefühlsduschen.

Insgesamt war es ein sehr kurzweiliger Tag auf dem Sofa mit dem schönen Buch, dass ich wirklich guten Gewissens empfehlen kann; für Läufer und Nicht-Läufer.

 

Nach oben scrollen