Text und Bilder: Michael Irrgang, 18.04.2020

Manchmal muss man einfach einmal neue Dinge ausprobieren und dabei bekannte und vertraute Grenzen überwinden. Eigentlich hätte am Donnerstag das Laufseminar am Sorpesee beginnen sollen, doch aktuelle Umstände erforderten eine Planänderung. So brach ich gegen 11 Uhr zu meiner „großen Radrunde“ auf, die ich früher selten, aber schon lange nicht mehr gefahren bin. Sie führt von Troisdorf, wo ich wohne, an den Rhein, dann auf der einen Seite den Rheinradweg südlich nach Koblenz und auf der anderen Rheinseite wieder zurück.

Nun also zu Fuß ohne Begleitung und ohne Support und anders herum als üblich, damit ich die schwierigen Passagen durch die Orte und Industriegebiete im Hellen bei vermuteter höherer Aufmerksamkeit hinter mich bringen kann. Einen Track hatte ich nicht, sondern wollte der Radbeschilderung folgen.

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Die ersten Kilometer führten mich auf meiner sehr schönen Hausstrecke an der Sieg entlang. Mein Rucksack wog 6 kg, da ich nur einen Einkaufs-Stopp nach ca. 9 Stunden eingeplant hatte.

Nach etwa 10 km erreichte ich den Rhein bei Bonn und damit den Radweg, der mich nun über Stunden führen sollte.

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Bei dem Blick auf das Siebengebirge wird mir klar, dass ich mir wirklich einen einfachen Plan überlegt hatte, denn es gibt ja auch weitaus anstrengendere Möglichkeiten, um von Bonn nach Koblenz zu kommen.

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Oft führt der gut laufbare Weg direkt am Wasser entlang und bot zahlreiche Motive auf den Rhein, der sehr wenig Wasser führte, schöne, touristisch geprägte, aber wie ausgestorben wirkende Orte oder die Auenlandschaften mit grünen Wiesen sowie schönen teils in voller Blüte stehenden Bäumen.

Menschen traf ich einige unterwegs, die meist mit dem Rad unterwegs waren oder bei angenehmen Temperaturen von über 20 Grad picknickten. Auf der Bonner Brückenrunde noch die meisten, unter anderem völlig überraschend Miriam, die, wie so oft, dort vormittags ihre Runden drehte.

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Von den vielen Bildern, die ich unterwegs machte, weil ich viele Eindrücke und Beobachtungen festhalten wollte, finde ich dieses besonders schön. Es zeigt so deutlich, dass wir Menschen soziale Wesen sind, die die Natur und die Sonne brauchen und zeigt ebenfalls, wie der Widerspruch zwischen Nähe und Distanz gelöst werden kann. Und das ganze bei Gegenlicht in der nachmittäglichen Stimmung irgendwo zwischen Linz und Bad Hönningen.

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Sehenswürdigkeiten gab es nicht viele unterwegs. Eher erkennt man anhand der Hafen- und Industrieanlagen, wie wichtig der Rhein als Transportweg für die Industrie war und immer noch ist. Dieser Römische Turm kurz hinter Bad Hönningen markiert den Limes und deutet auf das dortige Limesmuseum hin, welches einerseits mitten am Rheinsteig liegt, andererseits einen Endpunkt des Westerwaldsteiges markiert. Wer Einsamkeit auf einem gut markierten Weg sucht, wird hier fündig.

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Die Sperrung des Radweges an der Promenade von Neuwied zwang mich zur Umkehr und zu einem größeren Umweg, der mich an einen Supermarkt vorbeiführte, wo ich meine Vorräte auffüllen konnte. Ich war bereits 8 Stunden unterwegs, stets in der prallen Sonne und hatte bisher 2 Liter getrunken und 3 Riegel gegessen. Mein Plan bestand darin, zum einen so viel zu essen und zu trinken, wie in den Magen reinpasst und als Vorräte so viel mitzunehmen, dass es für weitere 100km in 16 Stunden reicht.

Man sollte meinen, dass man solche Rechnungen hinbekommen kann. Mir allerdings gelang es nicht, denn ich habe viel zu viel gekauft, bzw. habe ich deutlich weniger benötigt, als veranschlagt.

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Noch in Neuwied bot sich dieser tolle Blick auf den Pegelturm, der als reine „Schmuckarchitektur“ außer als Wahrzeichen für die Stadt keinerlei Sinn hat sowie die Autobahnbrücke im abendlichen Licht.

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Dann dämmerte es und plötzlich war es dunkel. In etwa 11 Stunden würde die Sonne wieder aufgehen. Das sind für mich die Momente, in denen ich kurz darüber nachdenke, ob das, was ich tue überhaupt irgendeinen Sinn macht.

Die nächsten 15 km bis Urbar sind nicht so schön. Es geht an Hauptstraßen und Industriegebiete vorbei, den Rhein sieht man über Stunden selten. Überwiegend kann ich mich nicht erinnern, ob ich hier schon einmal war, da ich ja sonst in die andere Richtung unterwegs bin, tagsüber und vor allen Dingen mit einer anderen Geschwindigkeit.

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Aber irgendwann kommt man in Ehrenbreitstein an und es geht über die Rheinbrücke nach Koblenz. Zur Bundesgartenschau 2015 wurde die Rheinpromenade aufwändig erneuert und ist wirklich schön geworden. Ich laufe gegen 22 Uhr entlang und treffe einige Nachschwärmer, die bei angenehmen Temperaturen noch unterwegs sind.

Einen kleinen Umweg über das Deutsche Eck nehme ich in Kauf, um am Fuße des Kaiser-Wilhelm-Denkmals das eher symbolische Ziel zu erreichen und den Nachtisch zu essen, der in Neuwied nicht mehr reinpasste. Jetzt nur noch zurück laufen, der Hinweg war mit 86 km etwas länger als geplant, ca 80 km sollten noch folgen. Hier hätte ich mich in den Zug setzen und nach Hause fahren können, aber einen wirklichen Plan B, also eine zufriedenstellende Mindestleistung oder eine Abkürzungsmöglichkeit gab es nicht.

Nach einer kurzen Pause, die ich auch nutzte, um mich mit Familie und Freunden auszutauschen, ging es weiter. Diese Form des Interesses und der Unterstützung fand ich hilfreich und motivierend – vielen Dank an dieser Stelle.

Nun kam der schwierige Teil der Tour. Ein bisschen hatte ich Angst, dass mir kalt werden würde. Dass ich zu wenig zu essen und zu trinken hätte, schien mir dagegen fast ausgeschlossen, selbst, wenn ich den kompletten Tag noch brauchen würde. Auch wenn die Beine etwas schwerer wurden, konnte ich im Wechsel zwischen laufen und gehen meist noch 7 Kilometer pro Stunden schaffen und kam wie geplant voran. Zu fotografieren gab es nicht viel und meine wenigen Versuche sind nicht wirklich gelungen.

In Andernach musste das letzte größere Hafen- und Industriegebiet durch, bzw. umlaufen werden und ich war überrascht, bei wie vielen Firmen um diese Uhrzeit (ca 3 Uhr) gearbeitet wurde.

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Gegen 6 Uhr entstand dieses Bild, irgendwo hinter Remagen. Erst früh am Morgen kam der Mond raus und die nahende Dämmerung bot etwas mehr Licht, was die Handykamera und insbesondere mein Gemüt dringend benötigte.

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Alle Bänke des Weges zogen mich magisch an. Meist blieb ich standhaft auf der Strecke, aber irgendwann saß ich dann in Bonn Mehlem wieder auf einer. Im Hintergrund wieder das vertraute Siebengebirge und wenn man genau hinschaut, kann man auf dem rechten „Berg“ sogar die Ruine Drachenfels erkennen. Jetzt nur noch einen Halbmarathon auf vertrauten Strecken, um die Runde zu vollenden. Klingt einfach, war es aber nicht.

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Mittlerweile wärmte die Sonne wieder ordentlich, aber einerseits scheute ich den Aufwand, mir die warme Nachtgarderobe auszuziehen, andererseits schien es mir auch nicht dringend erforderlich – jetzt wollte ich nur noch nach Hause. 2 Kilometer vor dem Ziel, auf dem Deich im Auenbereich der Sieg entstand dieses Bild.

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Endlich zu Hause! Nach 23:35 Stunden hatte ich die Runde über ca 167 km und 450 Höhenmeter beendet und wurde mit einem großartigen Frühstück empfangen. Welch Freude und Erleichterung! Bin sogar ein bisschen stolz, was zugegebenermaßen nicht oft vorkommt, denn im letzten Jahr habe ich bei zwei 24h-Läufen diese Kilometerleistung nicht geschafft.

Bleibt die Frage „Warum??????????“ eines guten Freundes. Eine profane Antwort ist, dass ich mich auf einen 6-Tage-Lauf vorbereite, der hoffentlich im Herbst stattfindet und ich davon ausgehe, dass es im Sommer keine 24h-Läufe gibt, die ich zur Vorbereitung nutzen könnte, aber dieser Gedanke ist natürlich nur vordergründig maßgeblich. Der wahre Grund liegt viel tiefer. Natürlich habe ich mir diese Frage auch gestellt. Vermutlich wissen alle meine Freunde und diejenigen, die ähnlich ticken, die Antwort auch so, aber ich erspare mir hier den Versuch den anderen meine Motivation zu erklären.

Ich bin froh, dass ich es gewagt habe, zu dieser Tour überhaupt aufzubrechen, sehr erleichtert, dass alles wie geplant funktioniert hat, bin mir aber aktuell nicht sicher, ob es jemals eine Wiederholung geben wird. Eher nicht. Das Magische an solchen Aktionen ist ja die Einmaligkeit der Premiere. Und „einfach“ war an der Tour eigentlich gar nichts.

 

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